Was wenn ‚aber…‘ nicht braun ist?

Seit Pegida ist es allen Menschen mal wieder möglich sich über das braune Geschwärl hier in Deutschland aufzuregen. Ich finde es gut. Denn diese offene Hetze gegen Menschen ist in keiner Weise hinnehmbar. Doch wird nahezu jeder verurteilt, der Probleme (und damit eine eigene Meinung) damit hat wenn es darum geht fremde Menschen in seiner Nähe aufzunehmen. Warum tut er das (Angst zu haben vor Fremden)? Warum soll er dann gleich rechtsradikal denken?

Ich glaube, dass wir hier den Menschen schnell Masken aufsetzen und diese auch gerne durch Vorurteile bemalen. Dadurch können wir klar eingrenzen wie jemand ist.

Wenn also jemand oft und gerne über Essen und Trinken redet ist er automatisch ein Genussmensch, damit aber auch gleichzeitig anscheinend politisch uninteressiert, sehnt sich nach Luxus und will jedem seine Currywurst mit Pommes madig machen. So jemanden würde man evtl. nicht zu einem Besuch zum Dönerladen mitnehmen wollen, oder?

Wenn wiederrum jemand oft und viel über Computer, Drohnen, Sicherheit im Netz und bei E-Mails redet ist er schon quasi ein Nerd. Er muss immer alles haarklein in seine Bestandteile zerlegen damit er es verstehen kann und sich sicher fühlen kann. So jemanden wollen wir nicht gerne bei einer launigen Runde übers Wetter dabei haben, oder?

Jemand der viel liest wird nicht gerne mit ins Kino genommen, er vergleicht ja immer das Original (Buch) mit dem Resultat daraus (Film). Das verdirbt ein evtenuelles beisammen sein nach dem Film, oder?

Ich glaube, dass einige unter uns solche Vorurteile haben und sicherlich auch pflegen. Ich selbst bin nicht gefeit davor. Warum auch, wir haben Erfahrungen gesammelt und werten diese in unserem Kopf aus. Dabei entstehen Urteile über Situationen, Stereotype und auch Gewichtungen für unsere Liste des Lebens (ich meine damit eine Art Wunschliste mit Dingen die wir gerne machen, machen wollen oder eben nicht).

Ich glaube also das ich nicht Vorurteilsfrei bin. Und ich glaube auch, dass es die meisten Menschen ebenfalls nicht sind.

In den letzten Wochen wurde viel über das Thema Flüchtlingspolitik geschrieben, schon deswegen ist es mir schwer gefallen auch etwas dazu zu schreiben. Denn in vielen Artikeln, Blogeintragen und Facebookposts habe ich etwas von meiner eigenen Meinung wieder gefunden. Nicht immer stimmte ich dem Beitrag zu 100% zu oder lehnte ihn zu 100% ab. Doch glaube ich, dass viele dieser Positionen sich immer sehr einseitig an das Thema heranwagen.

Aktuell sind es zwei Beiträge die mich dazu bewegen selbst Stellung zu beziehen.

Der erste ist ein Facebookpost auf den ich durch das „gefällt mir“ eines Dresdner Freundes aufmerksam geworden bin. Dieser ist auch für nicht Facebooker lesbar. Wer sich nicht einmal ohne Anmeldung auf die Seite wagen will sage mir dies bitte und ich werde ihm eine Nachricht mit Copy&Paste des Beitrags zukommen lassen. Aber ich hoffe so albern ist dann doch keiner.

Der zweite ist ein Blogeintrag welcher mir auch auf Facebook auffiel.

Zu diesen beiden Dingen kommt die derzeit mediengehypte Show des Herrn Schweiger (schon ein erstes Vorurteil).

Was jedoch ich vor allem sehe sind Vorurteile, vielleicht mit Ausnahme des o.g. Facebookpost. Zum einen den Menschen gegenüber die Angst haben und durch schlechte Bildung und Medien sich Meinungen bilden die nationalsozialistisch wirken. Dazwischen stehen einige die wirklich in ihren Köpfen nur den Hass gegen alles nicht deutsche sehen. Die in ihrem Denken bei einer Herrscherrasse geblieben sind und diese auch wieder einsetzen wollen. Doch wieviel sind das im Vergleich zu denen die aufgrund schlechter Informationen und auch schlechter Vorbereitung auf eine Verarbeitung von Informationen Angst zeigen vor denen die nach Deutschland flüchten. Ich habe keine Zahlen. Ich glaube aber es ist mittlerweile ein sehr großer Anteil. Mehr als die die rechtsradikales Gedankengut verbreiten weil sie eben rechtsradikal denken.

Warum werden die welche, nicht rechtsdenkenden, aber… sagen immer in diesen Beutel mit der Farbe braun geworfen. Wir verurteilen Menschen die während der Flüchtlingswelle 1989 nicht geflohen sind (aus Feigheit, Treue, Liebe zum Geburtsort oder Faulheit ist völlig egal) und denen blühende Landschaften versprochen worden. Viele von diesen Menschen haben Investoren kommen sehen welche ihnen Arbeit versprachen und die nach Auslauf der Zuschüsse schnell wieder verschwanden. Menschen die jeden Tag darum kämpfen ihren Kindern und teilweise Enkeln ein vernünftiges Mittag auf den Tisch zu stellen. Viele besitzen kein Auto, keinen Flachbildfernseher oder gar ein Smartphone. Sie haben manchmal ein Haus, welches jedoch oft seit Jahrzehnten nicht saniert werden konnte – da die Mittel fehlen, geerbt und versuchen sich über die Runden zu bringen. Diese Menschen haben Angst davor, dass noch ärmere Menschen kommen und sie das bisschen was sie besitzen teilen müssen. Diese Menschen haben kein Internet und somit nicht die Möglichkeit eine Vielfalt an Informationen zu sammeln. Diese Menschen sehen die arbeitende Mittelschicht mit ihren Autos, Smartphones und Flachbildschirmen die einen erarbeiteten Luxus haben den sie selber nicht erreichen. Diese Menschen haben Angst, dass die Mittelschicht geschützt wird und sie nicht. Sie sehen das die Politik über Flüchtlingsströme und einer ungeheuer großen Anzahl an Asylsuchenden redet. Sie hören wie Programme beschlossen werden um diesen Menschen zu helfen (im Kopf sehen sie das gebrochene Versprechen der blühenden Landschaften). Sie bekommen mit das Griechenland mit zig Milliarden gerettet wird. Sie sehen wie ihre Kinder und Enkel in der Schule nicht wirklich gebildet werden. In einzelnen Fällen erzählen die Kinder von ausländischen Mitschülern die sich nicht der deutschen Norm nach benehmen. Dann hören sie so einfache Parolen die es den Menschen einfach machen einen Schuldigen an ihrer Lage zu finden. Denn es ist so schön einfach zu glauben das wenn die Anderen nicht wären würde man sich sofort um sie kümmern. Wieso sollen solche Menschen nicht ‚aber…‘ sagen dürfen? Haben sie nicht auch das Recht sich verbessern zu wollen? Ja sie haben weder Krieg noch wirkliche Verfolgung erlebt, aber sie haben wirtschaftlich auch so gut wie nichts. Diesen Menschen wird auch oft vorgeworfen das sie bei KiK oder anderen billigen Ketten kaufen. Aber für andere Geschäfte haben sie das Geld nicht. In dem o.g. Blogbeitrag wird auch erwähnt, dass die Kinder die hier herkommen oft auch diese billigen Textilien unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen produzieren. Ja, aber was soll die Menschen tun. Hat jemand hierzu einen Vorschlag? Ich habe einmal einen Artikel gelesen in denen einer deutschen Familie vorgeworfen wurde sie habe aus diesen Altkleidersammelstellen sich Sachen zum Anziehen herausgenommen. Dafür wurde ihnen auf die Finger geklopft (im übertragenen Sinn) und die Medien stellten sie als unsozial dar. Sie nehmen doch denen die es wirklich brauchen die Dinge weg. Wer will beurteilen ob eine deutsche Familie nicht auch Unterstützung braucht oder nicht? Wir sagen oft, die Ausländer sind zu stolz um Hilfe anzunehmen oder zu erbitten, aber wenn deutsche Familien auch ihren Stolz nicht überwinden und sich mehr von den Ämtern holen dann ist das nicht das Gleiche. Warum nicht?

Die Fragen an Euch werden mit zunehmender Menge des Textes immer mehr. Und Antworten darauf zu finden immer schwieriger. Auch ist es gefühlt immer mehr Anti Ausländer geworden. Doch dies soll es nicht werden.

Ich glaube daran das Deutschland in der Lage ist die Anzahl Ausländer auszuhalten und Möglichkeiten zur Integration geben kann. Doch muss die Öffentlichkeit besser informiert werden über die Dinge die vor sich gehen. Die Informationsvielfalt ist vielleicht in den Ballungszentren groß, jedoch in einzelnen Orten mit kleiner bis wenig Anbindung und fehlender Technik meist doch eher gering und auf die gängigen Quellen (Bild, Tagesguck, etc.) beschränkt. Wir wollen diese Leute wachrütteln in dem wir ihnen unterstellen sie würden rechts denken. Das glaube ich wird nicht klappen.

Ich sehe mich auch etwas machtlos den Dingen gegenüber. Ich kann, und das werde ich gerne tun, die Leute dazu anregen auch mal den Kopf zu drehen und die Perspektive zu ändern. Ich will nicht, dass das Thema Flüchtlinge und Asyl gekürzt wird, ich will nur, dass wir uns alle um alle die Hilfe benötigen kümmern.

Mir stellt sich die Frage, warum werden Flüchtlingsunterkünfte oft an Orten errichtet wo eben schon vorher Konfliktpotential aufgrund schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse vorhanden ist? Ich glaube wenn Deutschland in der Asylfrage ähnlich viel Energie wie in unsere Ordnungsämter stecken würde könnten wir die Frage des Asylverfahrens besser lösen.

Eine der entscheidenden Dinge die uns alle in diesem Thema voran bringen kann ist und bleibt die Informationsmöglichkeit und die Bildung um diese Informationen wirklich verarbeiten zu können. Ein weiterer Punkt ist die Resignation in den Einzelnen zu finden und die Motivation zur Gemeinsamkeit auf zu bauen. Ich kann es nur immer wieder sagen, die deutsche Politik wird durch die Medien immer sehr schwarz/weiß dargestellt. Entweder die Politik macht alles richtig oder alles falsch. Irgendwie dazwischen ist nichts. Wie soll also ein neutrales Bild entstehen. Viele wollen sich nicht näher mit diesem ganzen befassen und geben Schlagwörtern nach. Diese sind eben in der Szene der Ausländerfeindlichkeit schneller zu finden als in den Gefilden in den sich Menschen wirklich Gedanken machen und differenzieren. Denn wenn wir etwas von mehr als einer Seite betrachten müssen wir auch unseren Kopf benutzen wollen und dies abwägen. Worauf ich dabei hinaus will ist das was ich oben bereits schrieb, Menschen müssen Informationen erhalten und Informationen verarbeiten können. Hier muss neben der Asylpolitik auch eine breite Öffentlichkeit informiert werden, bzw. Maßnahmen aufgezeigt werden. Es müssen die Programme für die Bevölkerung genauso sichtbar gemacht werden wie die für die Asylsuchenden. Wenn die Menschen nicht mehr nur sehen wie andere etwas bekommen, sondern sie selbst als Teil des Ganzen integriert werden, werden sie auch wieder teilen lernen und der Neid zurück gehen.

Ach, Herrn Schweiger will ich hier nicht ganz vergessen. Die Idee Flüchtlinge zu unterstützen finde ich großartig. Alle sofort als Nazis und dumm zu bewerten ist aber weniger großartig, eigentlich schon eher abartig. Wann hat sich Herr Schweiger das letzte mal in so breiter Front und mit so viel Enthusiasmus dafür eingesetzt, dass unser Bildungsniveau stabil über alle Schichten unserer Bevölkerung verteilt ist. Er erwartet gebildete Menschen die sich mit dem Thema ernsthaft über einen längeren Zeitraum auseinander setzen. Woher sollen diese Menschen kommen wenn wir sie nicht selber ausbilden?

Also, ich möchte das die Menschen sich zu hören und nicht hinter jedem ‚aber…‘ sofort eine Ablehnung sehen. Oft stecken tiefe innere Probleme in Menschen die sie mit diesem ‚aber…‘ versuchen auszudrücken.

Im übrigen, solltet Ihr einen Menschen sehen, der beim Thema Asyslpoltik ‚aber…‘ sagt und danach in seinen Porsche einsteigt während er noch auf seine TAG Heuer Uhr schaut um nicht zu spät zu seiner Verabredung im Adlon zu kommen, haut ihm eine rein und spendet den Porsche an eine Institution die sich mit dem Thema Asyl beschäftigt. 😉

geboren gelebt noch nicht gestorben

6 Gedanken zu “Was wenn ‚aber…‘ nicht braun ist?”

  • Herr We
  • Herr We

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