Von Worten und Wendungen – warum man nicht auf jeden Leitfaden hören soll


Herr We

Ich muss mir jetzt einmal etwas von der Seele reden. Es gibt Leute im Internet, die …

Doch lassen Sie mich vielleicht besser der Reihe nach erzählen.

Tief im Westen – die Sonne verstaubt dort nicht, da es meiner Erkenntnis nach dort homogen parallel regnet – lebt die Familie meiner Liebsten. Meine Liebste fuhr am Donnerstag hin. Unterwegs, so erzählte sie mir telefonisch, kaufte sie ein Druckwerk. Leser schreiben für Leser. Ich bin neugierig.

Warum erzähle ich Ihnen dies, liebe Zuleser? Der Grund ist ein einfacher: Ich bin neugierig auf das Druckerzeugnis und fragte Google nach „Leser schreiben für Leser“. Eines der Suchergebnisse war dieses: http://homepages.thm.de/~hg11260/mat/Schreibmuster.pdf

Warum erwähne ich ein Suchergebnis von Google? Auch dieser Grund ist einfach. Meine Aufmerksamkeit war geweckt und ich las jenes Dokument. Abwechselnd zog ich meine Stirn kraus, schüttelte den Kopf und dann wieder mich vor Lachen. Es ist schon interessant, mit welcher Ernsthaftigkeit man Menschen belehren kann und dabei doch seltsame Sachen schreibt. Man mag mich einen Klugscheißer nennen, wenn man will, aber beim Lesen dieses Textes kräuselten sich mir tatsächlich die Fußnägel. Und warum das so ist, verrate ich nach dem nächsten Werbeblock.

[Liebe Gdnoddser und Gdnoddsleser, bitte stellen Sie sich an dieser Stelle einen kunterbunten und aufwendig produzierten Werbeclip vor, an dessen Ende steht: http://mordreds-tales.de]

Fangen wir also an:

Die Autorin schreibt, man erkenne an dem Satz „Für die zahnärztliche Praxis und die häusliche Anwendung“, dass Adjektive den Satz schwammig und den Leser ungeduldig machen. Ich gebe zu, dass man statt „zahnärztliche Praxis“ durchaus Zahnarztpraxis schreiben könnte. Doch die Autorin geht noch weiter. Sie warnt ausdrücklich vor Substantiven mit der Endung „-ung“ in Verbindung mit Adjektiven, die auf „-lich“ enden.

Wie soll ich mir dies vorstellen? Ist die Zahnpasta, auf deren Verpackung jener Satz steht etwa für das Anwenden im Hause? Ehrlich: Substantivierte Verben sind ganz sicher noch schlechterer Stil. Ist die Zahnpasta für die Hausanwendung? Hmmm… Immerhin möglich, dass Cerankochfelder damit besonders lange besonders sauber bleiben.

Sei es drum. Es gibt schlimmere Dinge. In jenem Text. Und die Autorin schlägt auch gleich wieder zu.

„Streiche insbesondere Edelfüllsel und Tautologien (dunkle Ahnung).“

Ich befragte die weltweit führende Online-Enzyklopädie. Sie kennt keine Edelfüllsel. Ich befragte Google. Offenbar sind mit „Edelfüllsel“ Füllwörter. Ein Füllwort ändert nichts am Sinn seines Satzes. Es ist also streng genommen vollkommen überflüssig. Dennoch benutzen wir diese Dinger zu rhetorischen Zwecken. Viel schlimmer ist aber das Beispiel, welches die Autorin als zu vermeiden angibt.

„Dunkle Ahnung“ – ich stelle jetzt einmal dahin, dass es sich hierbei keineswegs um eine Tautologie sondern, wenn überhaupt, um einen Pleonasmus handelt. Doch gibt verschiedene Ahnungen. Es gibt leise Ahnungen, die Stimmen, die sprichwörtlich im Hinterkopf flüstern und sagen: „Du, pass mal auf!“ Es gibt glückliche Ahnungen. Die Ahnung, dass die sechs Zahlen, die ich gerade auf dem Lottoschein ankreuzte, auch wirklich gezogen werden, wird wohl wirklich als glücklich zu bezeichnen sein, wenn es denn wirklich geschieht. Und dann ist da noch die Ahnung, dass die Außerirdischen im Erdorbit keine friedlichen Absichten haben. Und diese Ahnung ist nicht nur dunkel, sie ist geradezu finster. Was also ist hier zu vermeiden? Muss die Ahnung nicht unbedingt näher beschrieben werden?

Es geht weiter. Statt Substantiv plus Adjektiv verwende man nur ein Substantiv. Es gibt Momente, in denen man dies tun kann. So kann man zum Beispiel alpine Flora durch … Nein, kann man nicht!

Ich sollte vielleicht erklärend hinzufügen, dass der Server, auf dem das Dokument liegt, der Technischen Hochschule Mittelhessen gehört. Der Autorin ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit ein akademischer Hintergrund zu unterstellen. Und dieser akademische Hintergrund erschwert es mir, zu verstehen, warum ich alpine Flora durch Alpenflora ersetzen soll. Die japanische Insel Rebun ist beispielsweise für ihre alpine Flora bekannt. Mangels Alpen dürfte die Insel wohl keine Alpenflora haben.

Der schulische Bereich umfasst deutlich mehr als die Schule selbst. Eine überwältigende Mehrheit ist deutlich mehr als 101 von 200 Stimmen. Der Sturm hat mindestens Windstärke 9. Bei Windstärke 8 handelt es sich also um starken Wind. Der starke Wind ist also mitnichten (zwingend) ein Sturm. Komische Beispiele bringt die Autorin an.

Steigerung, sagt die Autorin, ist „in keinster Weise“ angebracht. Liebe Autorin, der Pleonasmus ist, sofern er nicht zu rhetorischem Zwecke genutzt wird, tatsächlich in keiner Weise angebracht. Absolut unangebracht aber ist eine falsche Steigerung wie „in keinster Weise“. „In keiner Weise“ bedeutet „absolut nicht“. Was kann man daran noch steigern? Gar nichts, „kein“ ist absolut.

 

Weiß eigentlich jemand von Ihnen, was ein Helikopter ist? Ja? Schön! Vielleicht können Sie mir erklären, warum ein Hubschrauber bildhafter sein soll als ein Helikopter.

Auch ich bin kein Freund davon, Fremdwörter (besonders Anglizismen) zu benutzen, wenn es nicht notwendig ist. Aber wenn ich schon anderen Menschen sagen will, was sie zu tun haben, sollte meine Argumentation sauber sein. Und Helikopter ist ein Wort, welches weit genug in unseren Wortschatz eingedrungen ist, um es im Rahmen einer Geschichte als Alternative zum Hubschrauber zu benutzen

„Wir lassen englische Wörter unübersetzt (Word kennt das Wort unübersetzt gar nicht), tun aber so, als ob es deutsche wären.“ Als Beispiel führt die Autorin den „indischen Subkontinent“ an, den man doch einfach Indien nennen solle. Doch ist ein Staat nicht gleichbedeutend mit einem Teil eines Kontinents. Es hängt also vom Kontext ab, ob es Indien oder der indische Subkontinent ist.

 

„Synonyme gibt es nicht.“

Im Vorwort nimmt die Autorin eindeutig auch Bezug auf Unterhaltungsliteratur. Wenn man keine Synonyme benutzen soll, frage ich mich, welche Art Unterhaltungsliteratur die Autorin wohl liest. Wollen Sie, liebe Leser, wirklich immer nur den Namen einer Person oder das passende Personalpronomen lesen? Oder ist es nicht erfrischender, wenn Carlos Antonio Mendoza einmal Carlos Antonio Mendoza ist und ein anderes Mal der mexikanische Stierkämpfer mit dem feuerroten Schnurrbart oder einfach der Mexikaner. Synonyme geben unseren Texten Farbe. Selbst Sachtexte werden durch Synonyme farbiger.

 

 

„Sag’s positiv“

Kein schlechter Gedanke. Es klingt natürlich besser, die zwei Sachen zu sagen, die man geschafft hat und nicht die 11 Dinge, die man nicht auf die Reihe bekam. Aber was ist positiver daran, zu sagen, die anderen hätten gewonnen und nicht, ich hätte verloren?

 

Die Beispiele, welche die Autorin bringt, ihre Standpunkte zu untermauern, sind also mehr als dürftig. Letztlich kommt es beim Schreiben genau auf eines an: auf Spaß. Auf Spaß am Schreiben ebenso wie auf Spaß am Lesen. Wenn ich aus dem Leitfaden zum Schreiben etwas mitnehme, dann nur den Schluss, der dem Beginn eigentlich zuwider läuft. Schreiben heißt werben. Werben um die Gunst des Lesers als wäre er die eine Frau, die man unbedingt im Bett haben will. Nein, ich möchte nicht jeden Leser in meinem Bett haben. Es ist eine farbige Metapher. Schreibe in Bildern. Und weil ich in Bildern schreibe, benutze ich Pleonasmen und lasse den Helden durch die dunkle Nacht gehen, nicht nur durch die Nacht. Fange den Leser ein. Nun ja, schreiben ist werben.

 

Vor allem aber sollte man, wenn man denn schreibt und das Geschriebene öffentlich macht, auf eines achten: korrekte Orthographie und Grammatik.

Liebe Autorin, sofern Sie diesen Eintrag hier lesen, es heißt nicht „Versehe die Personen mit vielen Verben“, es heißt „Versieh …“ Es heißt „Versprich nichts …“, nicht „Verspreche nichts …“ Vor allem heißt es „… was Du nicht hältst“. Der Infinitiv ist „halten“, darum ist die zweite Person Singular Präsens Aktiv Indikativ „du hältst“, nicht „du hälst“. Ich schenke Ihnen hiermit offiziell ein „t“ zur weiteren Verwendung. Und der Imperativ Singular von „nehmen“ heißt „Nimm!“, nicht „Nehme!“.

 

Nun, dies waren der Worte gar viele und man kann dies alles seiner Hülle berauben und die Essenz aufschreiben: Lassen Sie sich beim Schreiben von Ihrem Gefühl leiten. Achten Sie nicht auf die Benutzung oder Nichtbenutzung rhetorischer Figuren. Schreiben Sie einfach farbig, lebendig und so dass es sich gut anfühlt.

Aber dann wäre dieser Eintrag nur einen Absatz lang. Und das wäre doch langweilig, oder?

Und jetzt habe ich genug gemeckert.

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


2 Senfkörner zu “Von Worten und Wendungen – warum man nicht auf jeden Leitfaden hören soll”

  • Muse sagt:

    Selbstanzeige

    Ich gebe öffentlich zu, dass ich von all diesen Dingen keine Ahnung habe.

    Tautologie ? Ich kannte das Wort nicht einmal. Natürlich stehen in meinem Bücherregal ein Duden und eine Bibel.

    Jedoch schreibe, lese und spreche ich ohne fundiertes Wissen. Meine Kommas, Kommata setze ich nur nach Gefühl. Und Gefühle können bekanntlich täuschen. Grade bei der Komma Setzung. Mist.

    Wenn ich Portemonnaie nicht auf Anhieb und ohne zu Stottern schreiben kann, dann schreibe ich ersatzweise Geldbörse. So kann man sein Nichtwissen verschleiern.

    Und sollte jemand einen Brief von mir bekommen, und in diesem Brief steht: „Anna log“, dann wollte ich damit nicht zum Ausdruck bringen, dass die gute Anna gelogen hat, sondern vielmehr hätte es „analog“ heißen müssen. Oder so ähnlich. Vergleichbar.

    Und „Rechts am Wald“ ist demnach ein Rechtsanwalt. Logisch, oder ?

    Herr We., Sie haben mich nachdenklich gemacht.

    Ich schreibe, lese und rede gerne. Das alles werde ich auch weiterhin machen. Es macht mich sogar ein bißchen stolz, dass ich Tautologien schon benutzt hatte in der Vergangenheit, ohne sie überhaupt zu kennen und von ihrer Existens gewußt zu haben.

    Die Autorin hätte mich mit ihrem Leitfaden zum schöner Schreiben nur verunsichert. Sprache ist auch ein Gefühl, eine Momentaufnahme, es sind Buchstaben, die lebendig werden müssen. Das Wort kalt, darf man nicht nur lesen, man muss es fühlen beim Lesen. Dann nämlich (nämlich ohne h)
    habe ich alles richtig gemacht.

    Und weil jeder beschriebene Moment so einzigartig ist, gibt es eben die dunkle Ahnung neben der freudigen Ahnung und diese Ahnungen werden sanft ummantelt von Kommas, die dem Herzen entsprungen sind und leider nie ein Regelwerk gesehen haben.

    Sollte mein Deutschlehrer das hier lesen. Mein Motto war immer: Selbstbewußtes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit.

    Muse
    die Ahnungslose, jedoch nie ohne Hoffnung auf Besserung.

  • Herr We Herr We sagt:

    Ein wunderschöner Vlog (Video-Blog, korrekter: Video-Weblog, also Film-Netz-Tagebuch), der zum Thema passt. Danke an dieser Stelle an meine Muse für den Hinweis:

    http://www.youtube.com/watch?v=mD17ScaUVmo&list=PL3B308171E09B0726&index=2

Gib deinen Senf dazu

Wenn Sie Mensch sind, lösen Sie bitte folgende Aufgabe: *