Von Gesichtern, Büchern und Nachrichten

Facebook hatte Serverprobleme! Wenn man wollte, könnte man jetzt mit den Schultern zucken und fragen, welche Bedeutung dies jetzt für den Einzelnen haben soll. Um ehrlich zu sein: Im Zweifelsfall hat es für den Einzelnen überhaupt keine Bedeutung. Auf der anderen Seite hat der, der dieses behauptet in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung. So ein Facebook-Ausfall kommt einer Katastrophe gleich. Schlimmer ist nur noch, dass Deutschland 2012 wieder nicht Europameister wird.

Herr We redet Unsinn? Vielleicht. Vielleicht auch nicht, denn immerhin hörte Herr We heute früh gegen 10:00 Uhr im Radio: Facebook hatte Serverprobleme – das Top-Thema in den Nachrichten. Ja, wirklich, der Ausfall bei Facebook wurde als Top-Thema verkauft.

Für den Bruchteil eines Augenblicks sah ich ein wahres Horrorszenario: 95.000.000 Berliner kamen zu spät zur Arbeit, weil sie ihre Fahrgemeinschaften nicht über Facebook organisieren konnten. 28 Passagiermaschinen mussten in der Berliner Innenstadt notlanden, eine davon direkt vor dem Kanzlerinnenamt. Als Ursache ermittelten Sachverständige massenpanikartige Verwirrungen, weil Passagiere und Piloten nicht mehr auf die Facebook-Apps ihrer Smartphones und Tablets zugreifen konnten. Ein 22jähriger erlitt einen Herzanfall, weil er sein Gesicht nicht im Buch sondern im Spiegel sah und dabei tiefe Augenränder, zombiehaft gerötete Augen und einen vampirhaft bleichen Teint an sich entdeckte. Verwirrt und verängstigt über das fremde Gesicht in seinem Spiegel schaffte er es noch, den Notruf zu wählen und der Polizei den Einbrecher im Badezimmerspiegel zu melden, bevor er mit einer akuten Tachykardie zusammenbrach. Die Sicherheitsbehörden riefen Terroralarm aus, da

1. der Verdacht bestand dass notorische Social-Network-Verweigerer die Infrastruktur Facebooks sabotierten und

2. eins der wichtigsten Überwachungsinstrumente außer Funktion war, mit dem bisher sichergestellt werden konnte, dass die Terrorgefahr gerade so auf einem Level blieb, dass man sie zitieren konnte, wenn es notwendig war, aber keine wirkliche Gefahr bestand. Solange ein Menschen postet, kann er nicht mit der realen Welt interagieren und dort irgendetwas schlimmes tun.

In konservativen Kreisen wurden Stimmen laut, die einen 18monatigen Pflicht-Facebook-Dienst forderten. Diese Forderung stieß allerorts auf heftigen Widerstand, der darin gipfelte, dass bundesweit 37 Menschen für 23 Minuten und 8 Sekunden ihre Internetverbindung trennten. Als Reaktion auf diese Proteste ließ die Regierung verlautbaren, dass es zumindest analog der Wehrpflicht und dem Zivildienst einen 26monatigen Ersatzdienst bei Google+ geben müsse.

Für den Bruchteil eines Augenblicks … Dann erwachte ich aus meinem Tagalbtraum.

Natürlich ist dieses Szenario Spinnerei und übertrieben. Aber dass der Serverausfall zu Top-Thema erhoben wird legt solche Weltuntergangsphantasien nahe. Vor allem drängt sich eine Frage auf: Was um alles in der Welt ist eigentlich Facebook für uns? Sind wir wirklich so abhängig von Gesichtsbuch, Zwitscherer & Co.?

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Eine gute Freundin von mir ist nicht bei Facebook. Wieder und wieder wird sie von Freunden gefragt: „Warum warst Du nicht mit auf dem Weihnachtsmarkt?“ oder „Warum warst Du nicht mit …“ wo auch immer. Ihre Antwort: „Wie jetzt? Ich wusste doch gar nichts davon.“ Meine Freundin erntet hierauf erstaunt-entsetztes Kopfschütteln und den allgegenwärtigen Satz: „Ich hab’s doch bei Facebook gepostet.“

Freunde, die nicht bei Facebook sind, auf anderem Wege zu benachrichtigen, hat übrigens etwas mit Respekt zu tun. Nur um eine kleine Brücke zu meinem gestrigen Post zu schlagen. Ich halte es ehrlich gesagt nicht für übertrieben, zu behaupten, dass Nicht-Facebook-Mitglieder geradezu gemobbt werden. Sehe ich mir das Beispiel meiner Freundin an, ist schon beinahe keine andere Aussage möglich.

Meine Freunde, mir drängt sich da eine Vision auf. Die Menschheit wird nicht aufgrund eines Vulkanausbruch, eines Erdbebens oder eines Meteoriteneinschlags zugrunde gehen. Der Grund für den Untergang der Menschheit wird ein simpler Stromausfall in den Rechenzentren Facebooks sein. Wenn Facebook nicht mehr da ist, werden 7.000.000.000 Menschen verwirrt durch die Gegend laufen, bar jeder Möglichkeit zur Kommunikation. Angst und Aggression werden sich breit machen. Schließlich löscht sich die Menschheit selbst aus. Abgesehen von einem kleinen gallischen Dorf voller Menschen, die sich den sozialen Netzwerken verweigerten und sich auf diese Weise die Fähigkeit erhalten haben, sozial zu interagieren.

Gibt es, frage ich euch, mich und den Rest der Welt, keine dringlicheren Themen als Probleme bei Facebook? Zar Putin scheint genauso vergessen und unwichtig wie Herr Wulff. Facebook ist wichtiger und wird zum Top-Thema gemacht. Hallo! Geht’s noch?

Ich will mein Wählscheibentelefon zurück!

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit.

Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: „Oh wie süß!!!!!“ Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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