Von Brüderlichkeit im Vaterland


Herr We

Ich bin verwirrt. „Frauenbeauftragte will Nationalhymne an mehreren Stellen ändern“ titelte die Welt. Im Text ist es plötzlich die Gleichstellungsbeauftragte. Ja was denn nun?

Wenn es Sie tatsächlich interessiert: Der Text ist richtig, die Schlagzeile falsch. Kristin Rose-Möhring ist die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Als Gleichstellungsbeauftragte ist sie nicht nur für Frauen zuständig, sondern für die Gleichstellung aller. Das schreibt sich das Ministerium auch auf die Fahnen (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung).

Leider taugen diese einleitenden Worte wirklich nur hierzu: zur Einleitung. Natürlich kann man sich wieder und wieder darüber erregen, wie unsere Zeitungen berichten. Lenkt aber vom Thema ab. Wenn nämlich die Gleichstellungsbeauftragte eines Bundesministeriums nichts Besseres zu tun hat, als den Text unserer Nationalhymne in Frage zu stellen, scheint in dieser Republik etwas schief zu laufen.

Ich bin ein Freund der political Correctness. Ich bin für die Gleichbehandlung aller. Ich bin dagegen, Menschen wegen Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Identität oder aus sonstigen Gründen unterschiedlich zu behandeln. All diese Dinge sollten in meinen Augen keine Rolle spielen.

Es sollte keine Frauenquote geben. Man sollte eine Frau nicht einstellen, weil es eine Quote zu erfüllen gilt, sondern weil die Frau für den Job geeignet ist. Es ist falsch, dass sich ein Politiker hinstellt und in aller Öffentlichkeit zugibt, schwul zu sein. Nicht weil Homosexualität falsch ist. Weil es niemanden außer diesen Menschen und seinen Partner etwas angeht. Es sollte…

Man kann diese Aufzählung beliebig fortführen. Aber jene politische Korrektheit hat Grenzen. Grenzen, die nur allzu oft überschritten werden. Und gefühlt jedes Mal, wenn diese Grenzen überschritten werden, geht es um genau ein Thema: den ganz alltäglichen Genderwahn

Aus dem Studentenwerk wurde ein Studierendenwerk. Von mir aus. Regelmäßig wird unsere Sprache durch die Erfindung einer geschlechtlich anderen grammatikalischen Form zu einem vorhandenen Wort gepeinigt. Auf die unsinnige Zusammenführung von maskulinen und femininen Formen in der Preisklasse von GdnoddserINNEN o.ä. will ich jetzt gar nicht erst eingehen.

Mit alldem kann ich irgendwie noch leben. Sprache ist etwas Lebendiges. Sprache entwickelt und verändert sich. Sie nimmt Wörter aus anderen Sprachen auf und macht sie sich zu eigen. Sie bildet selbst neue Wörter. Ich will zwar das Alte bewahren, kann mich aber dem Neuen nicht verschließen (auch wenn ich es nicht immer verstehe).

Frau Rose-Möhring wiederum überspannt den Bogen. Es soll nicht mehr Vaterland heißen, wir sollen nicht mehr brüderlich nach Einigkeit, Recht und Freiheit streben. Wir sollen geschlechterneutral sein, couragiert einem Heimatland dienen. Schließlich haben es Österreich und Kanada auch gemacht. Österreich ist nunmehr die „Heimat großer Töchter und Söhne“, nicht mehr nur die Heimat irgendwelcher Söhne. Und das geht für mich in Ordnung. Kanada soll patriotische Liebe (ich übersetze hier absichtlich wörtlich um das Wort Vaterland zu meiden) in allen, nicht nur in den Söhnen wecken. Ja, das ist vollkommen richtig.

Aber was, verehrte Frau Rose-Möhring, hat das alles mit dem Vaterland zu tun? Was hat dies mit Brüderlichkeit zu tun?

Ich verrate es Ihnen: gar nichts

Ich will Ihnen auch erklären, Frau Rose-Möhring, wie ich darauf komme. Natürlich will ich es auch Ihnen erklären, liebe Gdnoddserinnen und Gdnoddser, lieben Lesenden des kleinen Gdnoddses.

Da ist zum Ersten, dass das Vaterland ja gar nicht männlich ist. Das verrät dem, der ein kleines bisschen grammatikalisches Grundwissen mitbringt der Artikel, der den Nominativ des Wortes begleitet. DAS Vaterland ist eindeutig ein Neutrum. Und es wird auch außerhalb der Grammatik nicht männlicher, nur weil es das Land der Väter ist. Die Sprache ist zum Ausgleich die der Mütter. Und sie ist auch grammatikalisch weiblich.

Zum Zweiten geht es in unserer Nationalhymne nicht um Männer und Frauen. Erinnern Sie sich an den Text? „…danach lasst uns ALLE streben…“ Unsere Hymne fordert nicht die Männer unseres Landes dazu auf, nach etwas zu streben. Sie fordert ALLE auf. Männer, Frauen, Kinder, Transpersonen – alle, die wir in diesem Lande leben. Und dies sollen wir wie Geschwister tun. Das Adjektiv „schwesterlich“ gibt zwar laut Duden (https://www.duden.de/rechtschreibung/schwesterlich), wenn Sie sich aber die Mühe machen, im Online-Duden etwas nach unten zu scrollen, bis Sie zu den Synonymen für „schwesterlich“ gelangen, werden Sie das Wort brüderlich als solches, als Synonym für schwesterlich also, finden.

Drittens hat das Wort couragiert mit dem Sinn des Textes nichts zu tun. Ich stimme zu, dass wir gerade heute einige Courage aufbringen sollten, um gerade Einigkeit und Recht und Freiheit zu erstreben, doch meint der Text etwas bestimmtes, wenn wir dies brüderlich tun sollen. Wir sollen es nämlich alle zusammen tun, sollen (Achtung! Jetzt kommt ein weiteres Synonym für brüderlich/schwesterlich) einträchtig streben. Und die Zahl der Silben stimmt sogar. Voll kameradschaftlichen Mutes sollen wir uns der Unbill dieser Welt stellen, Despoten in die Schranken weisen und unsere Heimat in ein strahlendes Zeitalter führen. Es nutzt alle Courage nicht, wenn jeder für sich couragiert ist, wenn der Zusammenhalt fehlt, den das Wort brüderlich einfordert.

Viertens ist das Wort Heimat zwar an sich ein schönes Wort und ich finde auch, dass man es sagen darf. Ja, Deutschland ist meine Heimat. Leider wird dieses Wort aber von der rechten Ecke negativ konnotiert. Das lässt mich grübeln, ob das Heimatland, das von Frau Rose-Möhring bemüht wird, eben jene Ecke bedienen soll. Nein, ich unterstelle nichts dergleichen. Ich glaube nicht, dass dies wirklich Hintergrund des Wunsches nach Änderung des Hymnentextes ist. Aber es ist heutzutage leider nicht ungefährlich, von Heimat zu sprechen.

Dann bleibt noch ein fünfter Punkt. Vaterland und brüderlich sich verdammt nochmal einfache Wörter. Sie diskriminieren niemanden, denn Wörter können nicht diskriminieren. Es sei denn, jemand will sich unbedingt von einem bestimmten Wort diskriminieren lassen. Sowohl das VATERland als auch die BRÜDERLICHkeit sind schlicht Bestandteil unserer MUTTERsprache. Es gibt Wörter, die für sich allein einem bestimmten Geschlecht zuzuordnen sind, selbst aber vollkommen genderneutral sind. Warum muss man diese Wörter im Namen der Genderneutralität bannen?

Und nebenbei: Wir benutzen die Muttersprache viel häufiger als die Brüderlichkeit im Vaterlande.

Auch scheint mir die Diskussion und den Text unserer Nationalhymne keinerlei Beitrag zu wirklicher Gleichstellung zu leisten. Ganz unter uns gesagt, Frau Rose-Möhring, haben wir ganz andere Probleme als diesen Text. Auch und gerade was die Gleichstellung betrifft. Reden wir über Dinge wie die sogenannte Gender Pay Gap! Noch immer werden Frauen oft genug für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt. Noch immer zahlt die Frau beim Frisör mehr als der Mann.

Reden wir darüber, was man wirklich gegen die Unterrepräsentierung eines Geschlechts in bestimmten Berufen tun kann! Quoten sind nicht Lösung, denke ich. Ich möchte keine Quote erfüllen, sondern für eine Anstellung aufgrund meiner Qualifikation ausgewählt werden.

Wem, werte Frau Rose-Möhring, nützt es, das Vaterland aus der Hymne zu streichen? Niemandem. Wirklich niemandem. Oder soll diese Diskussion die Aufmerksamkeit von anderen Dingen ablenken? Das ist heutzutage nur zu einfach möglich. Werfen Sie das richtigen Stichwort in den Raum und die Menschen fallen einem pawlowschen Reflex folgend darüber und übereinander her. Egal wie unwichtig das Stichwort in Wirklichkeit ist.

Genauso unwichtig ist eigentlich auch die Diskussion über den Text unserer Nationalhymne. Es ist unwichtig, dass vom Vaterland die Rede ist. Die Diskussion lenkt ab, mehr passiert hier nicht. Vielleicht, verehrte Frau Rose-Möhring, widmen Sie sich Ihrem Amt entsprechend den wirklichen Gleichstellungsproblemen.

Auweia! Jetzt habe ich mich doch glatt in Rage geschrieben. Rage ist übrigens ein Femininum aber dieser Umstand spielt nun überhaupt keine Rolle. Ich habe mich in Rage geschrieben zu einer vollkommen unsinnigen Diskussion.

Nur eines: Nehmt uns die Brüderlichkeit nicht! Die Brüderlichkeit ist ein wichtiger Punkt in unserer Hymne, ob wir nun dem Vater- oder Heimatland dienen. Brüderlichkeit heißt Eintracht, Freundschaft, Kameradschaft. Gemeinschaft. Und Gemeinschaft ist wichtiger denn je.

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


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