Unsere christliche Welt

Es fragte Herr Es neulich, was wäre, wenn „Aber“ nicht braun sei. Kontrovers gefragt aber eine gute Frage, denn allzu oft bedienen wir in unserem Denken Schubladen und sortieren Menschen mehr oder weniger willkürlich in diese ein. Und allzu oft passen die Einsortierten gar nicht in diese Schubladen, wie ein Brief an unsere Kanzlerin nahezulegen scheint.

Unsere Welt ist nicht immer und überall friedlich und schön. Dort, wo es am Frieden mangelt, fliehen die Menschen und da es in gewissen Gegenden einen massiven Mangel an Frieden und Sicherheit gibt, fliehen die Menschen auch in Massen. In solchen Massen, dass es schwer wird, all die Flüchtlinge zu beherbergen. Unsere geliebte Kanzlerin spürt dies derzeit enorm, denn sie verliert ihren politischen Halt und ihre Partei schrieb ihr einen Brief.

Den Brief selbst las ich nicht. Ich las nur einen Artikel in einem großen Onlinemagazin: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-cdu-parteibasis-rebelliert-gegen-merkel-a-1056504.html

Um es vorwegzunehmen: Ich bin weder ein Merkelgroupie noch einer der Gutmenschen, die mit tränenreichem Gesicht in den sozialen Medien posten, wie schlecht es doch den Flüchtlingen gehe. Ich bin einfach jemand, der sieht, was los ist. Die Flüchtlinge aus Syrien und Umland kommen nicht hierher, weil es dort so kalt ist und hier die Sonne scheint. Sie fürchten um ihr Leben und das ihrer Familien.

Die Flüchtlinge sind keine Menschen, die zu faul sind, in Syrien etwas für ihren Lebensunterhalt zu tun, und lieber den deutschen Sozialstaat in Anspruch nehmen. Ich wette, unter den Flüchtlingen ist so mancher Gelehrter mit einem Doktortitel, manch Arzt, Lehrer etc.

Unsere Behörden sind überfordert. Sie werden der Lage nicht mehr Herr, denn ihre Bediensteten sind auch nur Menschen.

Und doch…

Jene CDU-Mitglieder, die oben erwähnten Brief verfassten, behaupten, Frau Merkel würde mit ihrer Flüchtlingspolitik deutsches und europäisches Recht brechen. Ich bin kein Jurist, kann diese Behauptung also nicht objektiv als richtig oder falsch beurteilen. Doch hörte ich in meiner Ausbildung einen Satz, der mir bei dieser Äußerung spontan in den Kopf fiel:

Recht bedarf immer der Ergänzung durch Gerechtigkeit.

Entspricht es voll deutschem und europäischem Recht, wenn wir den Flüchtlingen helfen, ihnen die Türen offenhalten? Vielleicht, vielleicht nicht. Ist es gerecht? Auf jeden Fall!

Um auch dies vorwegzunehmen: Ich beziehe mich nicht auf irgendein Erbe, das wir Deutschen angeblich zu tragen haben. Was zwischen 1933 und 1945 geschah, war definitiv nicht meine Schuld. Es ist nur unser aller Verantwortung, egal ob Deutsche, Franzosen, Österreicher, Briten, Russen, Amerikaner oder wer oder was auch immer, derartiges zukünftig zu verhindern.

Es ist also kein Erbe aus einer eventuellen deutschen Schuld, das mich zu meiner Meinung veranlasst. Es ist simpler Gerechtigkeitssinn.

Ergänzen wir also deutsches und europäisches Recht durch Gerechtigkeit, müssen wir den Flüchtlingen helfen. Schon deshalb müssen wir es tun, weil wir unser „Abendland“ doch immer als ach so christlich darstellen. Und hier beginne ich, ein ernsthaftes Problem mit dem CDU-Brief zu bekommen. Angeblich verstoße Merkels Handeln gegen das Programm der CDU.

Ließe sich die Rechtmäßigkeit durch versierte Juristen leicht nachprüfen, hege ich Zweifel am Programm der CDU. In Worten: Ich hege Zweifel am Programm der Christlich-demokratischen Union.

Liebe Unterzeichner des Briefes, seid ihr Christen? Dem Artikel des Spiegels zufolge verneine ich das.

Natürlich kann ich die Fakten nicht verneinen. Der Zustrom erscheint ungesteuert aber auch unsteuerbar. Die Kapazitäten erschöpfen sich. Die Mitarbeiter des Landesamtes für Gesundheit und Soziales stehen Kopf. All das sollte keine Überraschung sein, wenn man Augen im Kopf hat und ein bisschen nachdenkt.

Und nun?

Flüchtlinge sollen direkt an der deutschen Grenze abgewiesen werden, sagen die Briefunterzeichner. Formaljuristich ist das sogar haltbar, denn nach dem Dublin-Abkommen (https://de.wikipedia.org/wiki/Dubliner_%C3%9Cbereinkommen) müssten die Flüchtling dort bleiben, wo sie erstmalig registriert werden und das sollte eigentlich das Land sein, in dem sie erstmalig europäischen Boden betreten.

Faktisch ist aber auch das nicht durchführbar. Die „europäischen Grenzländer“ wäre noch schneller überfordert, als sie es so schon sind.

Abgelehnte Asylbewerber sollen „zeitnah und konsequent abgeschoben werden“. Wohin? Welchen Anteil vor allem machen die Abgelehnten aus?

Allenthalben ist aus Unionskreisen die Forderung nach der Schließung der Grenzen zu hören. Besonders die Christlich-Soziale Union scheint sich diesbezüglich hervorzutun, darf man den Medien glauben. Wie sozial ist diese Forderung? Nicht sehr. Wie christlich ist diese Forderung? Noch weniger.

Ich bin selbst kein gläubiger Christ und nicht übermäßig bibelfest. Aber fordern nicht sowohl Gott selbst als auch Jesus Christus, dem alle Christen Anhänger- und Folgschaft versprachen, Nächstenliebe? Fordern nicht die christlichen Werte auf, zu handeln und zu helfen?

Frau Merkel lehnt den Aufnahmestopp konsequent ab. Und das ist auch gut so, denn es ist richtig zuhelfen. Wenn das Programm der CDU diese Hilfe nicht hergibt, sollte die CDU ihr Programm vielleicht überdenken und an ihren Namen anpassen, sonst verdient die Partei ihren Namen nicht. Das Problem kann nicht dadurch gelöst werden, dass wir niemanden mehr nach Deutschland lassen. Dann wären wir nicht besser als Ungarn. Es muss gesamteuropäisch ein Plan her, wie man mit den Menschenmassen menschwürdig umgeht.

Am schönsten finde ich aber folgende Forderung an Frau Merkel: „Sie persönlich sollten über Zeitungsanzeigen in Hauptherkunftsländern sowie über soziale Netzwerke verbreiten, dass nicht politisch verfolgte Flüchtlinge kein Recht haben, nach Deutschland zu kommen.“

Jawohl! Genauso muss es sein, genau das muss unsere Kanzlerin mal tun! Wenn es deswegen nämlich international schlechte Stimmung gibt, können wir sagen: „Nicht wir Deutschen waren es, Frau Merkel war es.“ Die Kanzlerin wäre schuld und alle anderen, auch die, die jenes Handeln forderten, könnten sich aus der Verantwortung stehlen und hätten einen Grund, sich offen von Frau Merkel zu distanzieren und sie abzuschießen.

Und was hat das mit Schubladen zu tun? Ganz einfach: Die CDU-Mitglieder sortieren sich in die Schublade „Christen“ ein, passen  aber nicht immer wirklich in diese Kategorie.

Aber wissen Sie, was ich glaube? Frau Merkel wird auch nach der nächsten Wahl Kanzlerin sein, sofern sie noch einmal kandidiert. Und das hat einen einfachen Grund: All die Kritiker an der Flüchtlingspolitik, all diejenigen, die jetzt so laut schreien, werden bald merken, dass die Union niemanden hat, den sie statt Angela Merkel ins Rennen schicken kann. Und Frau Merkel wird mit genau der Flüchtlingspolitik, die sie gerade betreibt, punkten.

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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