Über das rechte Schreiben

Ich erhielt heute ein Feedback. Wussten Sie schon, dass Rechtschreibfehler einen Webauftritt in einem schiefen Licht erscheinen lassen können? Frau Barbara Wolf, Weblektorin, rief mir das wieder ins Gedächtnis. In eben jenem Feedback nämlich. Ihr waren die Fehler beim Testen ihrer neuen App aufgefallen. Hui! Eine App, die meine Rechtschreibfehler findet! Bin begeistert!Und nicht nur das. Ich bin auch entgeistert. Rechtschreibfehler? Ich? Niemals! Die rechte Schreibung erledige ich doch mit links!

Natürlich erliege ich nicht dem Wahn, fehlerfrei zu sein. Ich bin nur ein fehlbarer Mensch. Und gerade in der heutigen Zeit schneller Medien sind Rechtschreibfehler geradezu an der Tagesordnung. Der Redakteur einer Tageszeitung hat vielleicht die Zeit, Tippfehler vor dem Druck zu korrigieren. In der Onlinewelt muss der Beitrag raus, koste es, was es wolle. Natürlich bemühe ich mich um fehlerfreie Texte, aber Dinge passieren.

Um so netter ist es natürlich, wenn man auf ein solches Missgeschick aufmerksam gemacht wird. Wenn ein eifriger Leser – gerüchteweise soll es so etwas tatsächlich geben – einen Fehler findet, mag er ihn mir mitteilen. Ich finde selbst auch noch regelmäßig fehlende Lettern oder verbuchselte Wechstaben.

Dann ist da aber eine Person, die sich mir als Weblektorin vorstellt. Vielleicht ist sie es, vielleicht nicht. Zumindest sollte dieser Person klar sein, dass eine Mail, wie ich sie bekam, geeignet ist, umgehend einen SPAM-Stempel zu erhalten, denn es ging klar nicht darum mir zu helfen sondern mir eine App anzudrehen, von der ich nicht einmal mit Sicherheit weiß, ob sie wirklich tut, was sie zu tun vorgibt. Es ist traurig aber wahr, in den heutigen Zeiten des andauernden versuchten Betruges über das Internet ist es schwer, jemandem zu vertrauen, der mich auf zwei Rechtschreibfehler hinweist und mir gerne seine App vorstellen will, mit der man diese Fehler suchen und finden kann. Wir leben in einer Zeit, in der man den Menschen, die man nicht kennt eigentlich prinzipiell erst einmal mistrauen muss.

Und dann sind da die Fehler selbst, die vermeintlich auf meiner Seite sind. Es sind nämlich keine Fehler. Es ist in beiden Fällen pure Absicht. Ich sage es doch: Ich und Rechtschreibfehler? Niemals!

Eine der wichtigsten Regel im Umgang mit solchen seltsamen Mails: Nie antworten! Natürlich ist die wichtigste Regel, die Mails gar nicht erst zu öffnen. Bitte sein Sie unbesorgt, ich weiß, was ich tue und öffnete die Mail in einer sicheren Umgebung, einer Sandkiste sozusagen, in der Kampfmittelexperten auch Sprengkörper aus dem 2. Weltkrieg öffnen würden. Ein abgeschlossener Bereich, in dem außer dem Bombenentschärfer kein lebendes Wesen ist. Ein Bereich, in dem nichts passieren kann. Keine sensiblen Daten, keine Daten überhaupt…

Und doch juckt es mich, Frau Barbara Wolf, Weblektorin, eine Antwort zu geben. Also dann:

Sehr geehrte Frau Barbara Wolf, Weblektorin,

ich bin Herr We, Blogautor. Gleichzeitig bin ich Seine Lordschaft, Mordred LXXIV., Hobbydichter. Ich erhielt heute Ihre Nachricht, dass Ihre App Rechtschreibfehler auf meiner Seite fand. Lassen Sie mich Ihnen hierzu erklärende Worte ins Gesicht sprechen.

Ihr App, werte Frau Wolf, ist nämlich ziemlicher Quark. Nicht nur, dass Sie einen vermeintlichen Fehler auf EINER Seite fanden, wo sich dieser Fehler doch durch die gesamte Präsenz zieht und auf praktisch JEDER Seite auftauchen müsste. Auch zeigt Ihre App, dass Algorithmen einfach keine Ahnung von lebendiger Sprache haben und schon gar nicht mit Lyrik umgehen können.

Sollten Sie also tatsächlich das Weblektorat als Berufsfeld gewählt haben, gebe ich Ihnen den guten Rat, Ihre App in die Tonne zu treten und wieder Ihren eigenen Augen zu trauen, um aus dem Kontext schließen zu können, ob ein vermeintlicher Fehler vielleicht Absicht oder einfach den Umständen geschuldet ist.

Mit freundlichen Grüßen
Herr We

So, jetzt habe ich es ihr gegeben!

Aber mal ehrlich: Wenn diese App, so sie tatsächlich existiert, ein Vorgeschmack auf das Lektorat der Zukunft ist, sehe ich schwarz für die Literatur. Aufstrebende Jungautoren, die vielleicht sogar begabt genug sind, nicht einem Stil, der mich schon nach der Hälfte der Leseprobe vor langweiligem Grausen vom Erwerb des ganzen Buches abhält, über fünfzig Schattierungen der Farbe Grau zu schreiben, sondern tatsächlich inhaltlich und sprachlich wertvolle Werke veröffentlichen zu können und wollen, bekommen ihre Manuskripte reihenweise aus den Lektoraten der Verlage zurück, weil die Dinger zu viele Rechtschreibfehler enthalten. Dabei sind die Fehler keine Fehler sondern nur Sprache. Es werden Silben „verschluckt“, weil es wörtliche Rede im gemeinen Umgangston ist oder nur so das Versmaß einigermaßen eingehalten werden kann oder ein einigermaßen sauberer Reim zustande kommt. Die Folge: Die Literatur besteht nur noch aus Standardsätzen, die klinisch rein sind.

Ein neues Buch aus den Hinterlassenschaften des Herrn Tolkien? Nie und nimmer, denn die Lektorats-Apps der Verlage lassen es durchfallen. Zu viele Fehler. Dabei sind alle angestrichenen elbischen Wörter doch zu 110% richtig geschrieben!

Zwischen den Verlagen wird ein kybernetischer Krieg herrschen. Sich in die Computersysteme eines Verlages zu hacken wird nicht mehr das Ziel verfolgen, Daten zu erlangen. Es wird darum gehen, die Wörterbücher der Lektorats-Apps zu manipulieren, damit gute Bücher durchrasseln, während man selbst dies Buch in das Verlagsportfolio aufnimmt und sich eine goldene Nase verdient.

Und am Ende? Ich glaube an das Gute in der Welt und so glaube ich auch, dass selbst diese Geschichte ein Happy End haben wird. Die Verlage gehen zugrunde, zerstören sich gegenseitig. Die Autoren übernehmen ihr Lektorat selbst und nutzen Fremdfirmen nur zu dem Zweck des Druckes, der Bindung und des Vertriebs der Bücher (einschließlich Marketing).

Und ich? Ich werde reich und berühmt mit meinem Buch über die Verlagskriege des 21. Jahrhunderts.

Es gibt für alles eine App. Aber nicht immer ist so eine App überall sinnvoll. Ich wusste es schon immer und jetzt habe ich den Beweis.

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

5 Gedanken zu “Über das rechte Schreiben”

  • Herr We
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