Tabubruch


Herr We

Es ist Karfreitag und ich habe vor, ein Tabu zu brechen. Noch nicht jetzt, aber gleich. Gleich nachdem ich diesen Beitrag fertig schrieb.

Wer fleißig Nachrichten schaut und/oder Zeitung liest, weiß bescheid, weiß, wovon ich spreche oder vielmehr schreibe. Man darf heute nicht tanzen, keine Musik aufführen. In Berlin glücklicherweise nur zwischen 4:00 Uhr am Morgen (oder eher in der Nacht) und 21:00 Uhr am Tage (manche nennen es Abend).

Warum ist das so? Karfreitag ist ein sogenannter stiller Feiertag. Ebenso wie der Volkstrauertag und der Totensonntag. An diesen Tagen sind Musik und Tanz verboten. Sagt das Gesetz. Eigentlich (in Berlin) nicht das Gesetz sondern die Verordnung über den Schutz der Sonn- und Feiertage (https://www.berlin.de/imperia/md/content/balichtenberghohenschoenhausen/gesetze-vorschriften/fschvo.pdf?start&ts=1397567329&file=fschvo.pdf). OK, macht nichts. Feiertage sollen geschützt werden, Sonntage auch. Aber ein Tanzverbot? Ein Musikverbot?

Die Kirchen verteidigen dieses Verbot. Natürlich tun sie es. „Ich kann jedenfalls nicht nachvollziehen, dass es eine solche Zumutung sein soll, an einem Tag in diesen 365 Tagen des Jahres einmal nicht zu feiern.“ – Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ist ’ne Meinung und ich gönne sie Herrn Bedford-Strohm. Und ich gebe zu: Es ist verwirrend, dass wir zu Weihnachten nachdenklich sind, wenn wir doch ob Christi Geburt frohlocken müssten, an Ostern, als der Heiland starb, jedoch fröhlich sind.

Dennoch: Warum darf ich nicht tanzen? Ich will niemanden in irgendwas stören und ich glaube, wenn die Tür des Schankraumes (um mich an den Text der Verordnung zu halten) geschlossen ist, störe ich auch niemanden.

Und nebenbei: Wäre es wirklich im Sinne des Christus, dass wir still und leise trauern?

Zugegeben, der Tod ist nichts Schönes. Aber ich bin mir gerade nicht sicher, ob der Heiland nicht jemand war, der die Menschen eher dazu ermutigt, zu feiern, zu tanzen, zu singen. Bei aller Trauer. Der Trauer zum Trotz.

Hinzu kommt, dass der Karfreitag vielen Menschen wohl eher als ein freier Tag gilt. Wie ich gestern im Radio hörte, denkt ein namhafter Teil der Deutschen, dass Jesus am Karfreitag heiratete. Welchen Stellenwert hat dieser Tag also wirklich noch? Und um konsequent zu sein: Wenn der Karfreitag ein Tag des stillen Gedenkens ist, warum wird man dann den ganzen Tag im TV mit bunter Fröhlichkeit bombardiert?

Und noch etwas: Ohne die Ereignisse des Karfreitag wäre den Menschen die Erlösung versagt geblieben. Wenn das kein Grund zum Frohlocken ist…

Mit anderen Worten gesagt, halte ich jenes Tanzverbot a) für anachronistisch und b) für nicht im Sinne des Erfinders. Es ist ein menschengemachtes Tabu. Und genau dieses Tabu will ich brechen.

Und damit niemand denkt, ich begebe mich in der Art eines Outlaws in den Konflikt mit dem Gesetz, nutze ist einfach eine Lücke aus. Gemäß §5 der Feiertagsschutzverordnung kann bei Vorliegen eines dringenden Bedürfnisses im Einzelfall eine Ausnahme von jenem Verbot zugelassen werden. Ich habe das dringende Bedürfnis, zu singen und zu tanzen. Also macht mal eine Ausnahme!

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


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