Potentiell potente Potentaten

Wir leben in einer Welt voller Geschichte und Geschichten (die manchmal von unserer Geschichte erzählen). Es gibt Geschichten von Liebenden, von Hassenden, von Hexen und Magiern und sogar von Geheimorganisationen, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen.

Nicht immer sind dies nur Geschichten. Schauen wir uns in der Historie der Erde um, liebe Gdnoddserinnen und Gdnoddser, liebe Gdnoddsleserinnen und -leser! Europäische Großmächte wetteiferten um Kolonien in Afrika und Asien. Ein kleiner Korse versuchte Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts nach der Geburt des Erlösers ganz Europa und mehr unter seine Fittiche zu bringen. Die alten Cäsaren eroberten fast die gesamte damals bekannte Welt. Sie scheiterten lediglich an ein paar uneinsichtigen Anwohnern der rechtsrheinischen Gebiete und an aufsässigen Völkern im Norden Britanniens. Und an einem kleinen gallischen Dorf, dessen bester Krieger seltsame Flügel an seinem Helm trug, und dessen ortsansässiger Druide einen geheimen und geheimnisvollen Zaubertrank braute. Ich hege dabei übrigens den Verdacht, dass es nichts anderes als ein frühes Rezept für Red Bull war, was auch die Flügel am Helm jenes kleinwüchsigen Kriegers erklären würde.

Und doch sind all die Versuche, in Besitz und Eigentum der Weltherrschaft zu gelangen gescheitert. Selbst der große und weise Brain nebst seinem fast ebenso genialen Assistenten Pinky scheiterte regelmäßig an dem Versuch, potenter Weltpotentat zu werden. Manche Mensche sagen, es liege an Pinky. Doch ich verfolge die These, dass das Scheitern prinzipbedingt war.

Ich selbst eroberte auch das eine oder andere Mal in virtuellen Planspielen die globale Herrschaft. Hierbei handelte es sich natürlich nur um theoretische Betrachtungen im Rahmen von Computersimulationen zu rein wissenschaftlichen und philosophischen Zwecken. Es handelte sich hierbei um recht alte Simulationen aus der Mitte des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts nach des Heilands Geburt und diese Simulationen waren mit hoher Wahrscheinlichtkeit fernab jeglicher realer Bedingungen. Letztlich gewann ich in Civilization nur, weil meine Erfindungen den anderen Völkern immer zwei Nasenlängen voraus waren. Und nicht immer waren es kleine Stubsnasen. Nein, immer wieder war es die Nase eines mytischen französischen Dichters namens Cyrano de Bergerac.

Den Umstand der offensichtlichen Unvollkommenheit der Welteroberungssimulation betrachtend dachte ich irgendwann darüber nach, ob es denn wirklich so leicht wäre, dem Globus immerwährenden Weltfrieden durch potentiell potente Alleinherrschaft zu verschaffen. Natürlich besteht immer die Gefahr eines Angriffs außerirdischer Kräfte, aber diesen unwahrscheinlichen Fall wollte ich in meiner Betrachtung zunächst vernachlässigen. Ohnehin können Außerirdische weder Interesse an einem Kontakt mit der Erde haben noch an ihrer Eroberung, ist doch die Menschheit noch nicht soweit, kontaktiert oder erobert zu werden. Die Menschen sind zu primitiv. Der friedliche Erstkontakt mit den Bewohnern des Planeten Gamma Omikron 87Beta9 würde wohl daran scheitern, dass die Menschheit sich mangels Sprachkenntnissen angegriffen fühlte (Gammaomikronisch ist keine einfache Sprache, unterscheidet sie doch allein 13 Fälle für Substantive und 28 Zeitformen für Verben, wobei eine winzige Verzögerung in einem einzigen Klicklaut die Bedeutung des Satzes fundamental verändern kann. So heißt „Bsskrgtbperrks“ so viel wie „Guten Morgen! Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.“ Sagt man infolge eines kleinen Fehlers in der Aussprache „Bsskrgtbperrrkz“, fühlt sich der Gammaomikronianer vermutlich zu Recht von der Aussage „Deine Frau ist eine Granate im Bett.“ beleidigt.).

Andererseits ist der irdische Mensch zu primitiv und gewalttätig, als dass das klingonische Imperium auch nur den Hauch einer Chance hätte, nur eben den großen Zeh auf irdischen Boden zu setzen.

Sie sehen also, liebe Gdnoddserinnen und Gdnoddser, liebe Gdnoddsleserinnen und -leser, außerirdische Einmischung können wir vernachlässigen. Doch kann es gelingen, als potentiell potenter Weltpotentat, immerwährenden Frieden zu schaffen?

Eine sorgfältige Analyse des Problems verschaffte mir zunächst die Einsicht, dass der Terminus „immerwährender Frieden“ einer genauen und detaillierten Definition bedarf. Von größter Wichtigkeit ist hierbei der Teil des Immerwährenden. Selbst das Amt des Nachfolgers Petri ist ja nicht mehr immerwährend und es kann davon ausgegangen werden, dass nach dem Dahinscheiden des allseits beliebten monogamen Monarchen ein allgemeiner Streit um dessen Nachfolge vom Zaune brechen werde, der den Frieden zunächst nachhaltig stören wird. Mangels physischer Unsterblichkeit muss „immerwährender Frieden“ also zunächst als Frieden für die Lebens- und Amtsdauer des Inhabers der Weltherrschaft definiert werden.

Sodann, nachdem ich die Definition des immerwährenden Weltfriedens erfolgreich abgeschlossen gehabt hatte, konnte ich mich also dem eigentlichen Problem widmen. Was hatten die Cäsaren, der kleine Korse, Pinky und Brain und all die anderen Weltherrschaftsbewerber falsch gemacht, dass sie letztlich scheiterten?

Zunächst ist da der Fakt, dass der Mensch immer in Freiheit leben und diese dann freiwillig aufgeben will. Niemand lässt sich gerne einfangen. Die Aufgabe der Freiheit muss selbst ein Akt der Freiheit sein, sonst funktioniert es nicht. Die Aufgabe der Freiheit muss aussehen, als verlöre man nichts. Sie muss vom Aufgebenden als Gewinn an Freiheit betrachtet werden. So werden Apple-Jünger frei vom bösen Dämon Microsoft. Facebookjünger gewinnen die Freiheit, der ganzen Welt sagen zu können, dass gerade ihr Brot alle ist, ja sie werden sogar frei, sich nicht dafür zu interessieren, dass des Anderen Brot alle ist und seinen Post zu verstecken.

Darüber hinaus hat man als Reichsoberhaupt im Allgemeinen ein Problem: Im Zweifelsfalle steht man alleine da. Das Volk sind viele und viele können den Einen durchaus verkloppen. Besonders haarig wird dies, wenn man unbeliebt ist.

Nach sorgfältiger Abwägung der Fakten kam ich daher auf folgende

10 Gebote zur Eroberung der Weltherrschaft

  1. Ganz wichtig bei der Welteroberung: Habe den Pöbel hinter Dir. Wenn die Masse Dich unterstütz, ist das die halbe Miete. Beachte hierbei aber, dass Du nicht siehst, was hinter Dir geschieht. Sorge dafür, dass Du das Volk, welches hinter Dir steht im Blick hast. Erinnere Dich an Gaius Iulius Caesar und den Dolch in seinem Rücken.
  2. Habe das Geld hinter Dir. Die Reichen müssen dabei auch gewinnen. Zumindest müssen sie das denken. Die Weltherrschaft und ihre Erringung sind nicht billig.
  3. Übernimm die Weltherrschaft nicht durch Krieg. Eroberungen gehen schief, die eroberten Völker werden sich gegen Dich auflehnen. Befreie die Völker von ihren bösen, sie unterdrückenden Regierungen. Finde Massenvernichtungswaffen (selbst, wenn Du sie eigenhändig deponieren musst) und befreie die Welt von denen, die die Massenvernichtungswaffen haben.
  4. Übernimm die Weltherrschaft nicht auf religiösem Wege. Das ist den Menschen suspekt. Befreie die Menschheit aber von bösen Sekten. Definiere „böse Sekten“ dabei aber auf die richtige Weise und flexibel genug, um jede evtl. unbequeme Religionsgemeinschaft als solche brandmarken zu können. Sei stets frei den Religionen gegenüber, solange es keine bösen Sekten sind. Dann werden Dich die Menschen aller Glaubensrichtungen (böse Sekten ausgenommen) unterstützen.
  5. Schüre im Vorfeld Konflikte (bei denen Du dann die Punkte 3 und 4 schonmal teilweise in Angriff nehmen oder ihre Inangriffnahme vorbereiten kannst), die Du als potenter Weltpotentat aus der Welt schaffen kannst.
  6. Besuche in Vorbereitung der WeltherrschaftsanDichreißung ein Rhetorik-Seminar, um politische Gegner in Diskussionsrunden wie dumme Kinder aussehen zu lassen, auch wenn Du zum Thema überhaupt nichts sagen kannst. Die Öffentlichkeit darf einfach nur nicht merken, dass Du ahnungslos bist. Selbstbewusstes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit ist das Alpha und das Omega eines jeden potenten Potentaten.
  7. Stelle nie eine Bedrohung für andere Nationen dar. Lass sie Dich bedrohen, damit Du Dich in adäquater Weise wehren und Dich als Siegermacht im Falle des Angriffes der anderen dort niederlassen kannst. Nein, das widerspricht nicht Punkt 3, denn Du befreist die entsprechende Nation von ihren bösen Machthabern.
  8. Teile Deine Macht nicht. Minister u.ä. wollen etwas von Deiner Macht abhaben und ihre Interessen durchsetzen. Insbesondere Kriegsminister würden z.B. dem durch die Weltherrschaftserlangung angestrebten Ziel des Weltfriedens im Wege stehen.
  9. Mache politischen Gegnern klar, dass nicht Du sondern ein anderer Deiner politischen Gegner der Feind ist. Wenn sie sich gegenseitig aufgerieben haben, sind sie leichter zu kontrollieren.
  10. Lasse Dich selbst auf neutralem Grund nieder, um Dich allen Menschen als Bürger der Welt zu präsentieren. Vermeide jegliche Assoziation Deiner Person mit irgendeiner Nation. Du darfst für den Briten kein Deutscher und für den Russen kein Amerikaner sein. Sei ein Cosmopolit, Deine Heimat sei die Erde, nicht ein Teil von ihr, auf dass sich alle Menschen unabhängig von ihrer Nationalität als Bürger der Erde fühlen.

Natürlich ist auch das eine sehr grobe Vereinfachung der Situation, denn irgendwie muss man Volk und Geld erst einmal hinter sich bringen. Zwar ist offensichtlicher Zwang, ich sagte es schon, nicht anwendbar, doch ist es von größter Wichtigkeit, dass auch der letzte Mensch hinter dem Potentaten steht. Dies erreicht man beispielsweise, indem man dem Individuum zwar die Wahl lässt, sich nicht der neuen Ordnung anzuschließen und ihm wahrheitsgemäß verspricht, es gebe keinerlei Repressalien gegen das betreffende Individuum, ihm das Leben ohne diese neue Ordnung aber quasi unmöglich macht, indem die Verabredung zum Weihnachtsmarkt doch auf Facebook überall zu lesen war, wenn man aber kein Facebook hat …

Das Kapital locke man mit Steuererleichterungen und noch mehr Gewinnen. Hierzu sind natürlich seitens des Kapitals Investitionen nötig. Natürlich sind diese Investitionen langfristig steuerlich absetzbar. Da man nur 10 vom Hundert der Investitionssumme in die eigentliche Weltherrschaft steckt, den Rest aber nutzt um des Kapitals selbst habhaft zu werden über irgendwelche Trusts und Fonds, spielen die entgangenen Steuereinnahmen keine Rolle. Sie erhöhen letztlich den eigenen Gewinn.

Schwierig wird es bei Massenvernichtungswaffen und der eigenhändigen Deponierung. Dem zukünftigen Weltherrscher sei deshalb geraten, eine Alternative zu suchen. Eine Möglichkeit wäre Volksmusik, eine andere das Programm verschiedener privater Fernsehsender, welche durchaus als Massenverblödungswaffen einsetzbar sind.

Sollte sich nun jemand meine Worte zu Herzen nehmen und der Welt immerwährenden Frieden bringen, so hoffe ich, dass er dabei meiner gedenkt und mir einen beratenden Posten überlässt. Denn jeder potentiell potente Weltpotentat braucht einen Berater und ich habe da noch ein paar Ideen.

Also, liebe Gdnoddserinnen und Gdnoddser, liebe Gdnoddsleserinnen und -leser, hinterlassen Sie Ihren Senf, wenn Sie ergänzenden Anmerkungen oder gar Fragen haben. Und sofern Sie selbst keinerlei Weltfriedenspläne hegen, tut dies bestimmt jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der Sie kennt. Und damit dieser eine Jemand seine Pläne verwirklichen kann, teilen Sie diesen Betrag.

Ihr wirrköpfiger Philosoph Herr We

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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