Populismus

Ich bin bekennenderweise kein großer Freund der sozialen Medien. Ich bin kein Feind derselben, um dies deutlich klarzustellen. Aber eben auch kein großer Freund und heute erfuhr ich wieder, warum dies so ist. Es liegt nicht an jenen Netzwerken selbst. Es liegt an den Menschen, die mir zumindest in Teilen immer noch nicht reif hierfür sind.

Wie meine ich das? Ich meine das vielfältig:Zum einen werden Hypes um Dinge kreiert, deren Sinn man erst einmal in Frage stellen kann – ganz egal, wie die Antwort auf die Frage am Ende lautet. „Man muss doch bei Faebook sein!“ „Hey, wir (bitte an dieser Stelle den hippen Radiosender Ihrer Wahl einsetzen) sind jetzt bei Snapchat! Also folgt uns bei Snapchat!“ Es wird hierbei offenbar unreflektiert auf Züge aufgesprungen, wie man so schön sagt. Und wer nicht mitmacht, ist nicht hip.

Zum zweiten wird gesellschaftlich Druck ausgeübt, den Netzwerken beizutreten, indem Kommunikation ausschließlich über diese Kanäle läuft. Wer nicht bei Facebook ist, kennt die Nummer des Fluges, mit der der Sohn von der Klassenfahrt zurückkommt nicht.

Aber diese beiden Punkt sind alt und abgedroschen und will eigentlich auch gar nicht wieder darüber herziehen. Es geht eigentlich um etwas anderes.

Zum dritten nämlich kann jeder in den sozialen Netzwerken alles schreiben, ganz egal, um welchen Unsinn es sich handelt. Katzenvideos, ach so lustige Bilder, über die zu lachen mir schwer fällt (es gelingt mir im Regelfall nicht einmal, wenn ich mir Mühe gebe) oder aber Ergüsse wie dieser:

Populismus ist die Überschrift und ich frage mich oft, wo dieser Populismus, diese inhaltsleeren Aussagen, auf die so viele Menschen aber anspringen, weil sie oft mit den Ängsten der Menschen arbeiten, kommt. Und dann lese ich einen Tweet eines Redakteurs einer doch ziemlich renommierten Zeitung. Ganz schön viele unbestimmte Artikel im letzten Satz, oder?

Wie oft fragte ich mich in den letzten Wahlkämpfen, ob die Menschen eigentlich nachdenken? Sehr oft. Wie oft schüttelte ich den Kopf über die meist reißerische Berichterstattung in der auflagenstärksten Tageszeitung Deutschlands (die aber niemand liest)? Sehr, sehr oft. Was soll ich jetzt aber davon halten, dass eine WELT-Redakteur den Lufthansa-Air Berlin-Deal und die Folgen mit den Zuständen in der DDR und vor allem mit der Wahl zwischen Trabant und Wartburg vergleicht?

Was, frage ich, hat der Kauf eines große Teils von Air Berlin (nicht der ganzen Gesellschaft!) mit Trabant und Wartburg zu tun? Wollte der Redakteur sich nur auf BILD-Niveau begeben oder weiß er schlicht nicht wovon er redet?

Für die spät geborenen ein Paar Fakten über die Zustände in der DDR (ja, ein Paar, zwei Stück also):

  • Es gab nicht nur Trabant und Wartburg. Es gab auch Skoda und Lada und es fuhren zu viele dieser Fahrzeuge umher, als dass nur eine kleine Elite Zugriff darauf gehabt hätte.
  • Wenn man den Deal und das möglicherweise entstehende Luftfahrtmonopol schon mit der DDR vergleicht, dann bitte richtig: Es gab die INTERFLUG aus einzige staatliche Fluggesellschaft. Die einzige Flugreise, die ich zu DDR-Zeiten unternahm, war übrigens mit der AEROFLOT.

Auf der anderen Seite hatte ich in meiner ersten eigenen Wohnung in Sachen Telefon die Wahl zwischen der Deutschen Bundespost und der Deutschen Bundespost. Das war 1994. Bemerken Sie etwas? Genau! Es war nach der Wiedervereinigung.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man im (Personen-)Zugverkehr die Wahl zwischen der Bahn und der Bahn hatte. Und die Bahn ist immer noch quasi ein Monopolist.

So ziemlich jeder alternative Telefonanbieter muss die letzte Meile zum Kunden bei der Telekom mieten, weil letztere niemanden in die Verteilerkästen lässt.

Aber man konnte ein Schlagwort tweeten, das bei den Massen negative Gefühle auslösen sollte: DDR

Ich sah den Tweet, ich las den Tweet ein zweites Mal, ich schaute ungläubig und verstand nur ganz langsam, was der WELT-Redakteur geschrieben hatte. Eben weil der Vergleich ziemlicher Unsinn ist. Ja, schon fast mit den populistischen Phrasen in den Wahlkämpfen vergleichbar scheint. „Clickbait“ nennt man so etwas, glaube ich. Schreibe ein Schlagwort und die Leute klicken!

Ja, Clickbaits sind heutzutage auch an der Tagesordnung. Mich wundert nur, ob das noch seriöser Journalismus ist. Der Artikel hinter dem Tweet hat nämlich in etwa dieselbe Qualität. Und da wundern wir uns, dass die Menschen im Wahlkampf auf Schlagworte reagieren und Parteien wählen, die von so vielen Menschen eigentlich abgelehnt werden?

Liebe Zeitungsmacher (ich spreche tatsächlich alle an),

bitte überlegt euch doch, was ihr schreibt! Bitte schreibt nicht einfach irgendetwas, nur um irgendetwas geschrieben zu haben! Manchmal lohnt es, innezuhalten, nachzudenken, und einfach zehn Minuten später Qualität abzuliefern. Bitte erspart uns so qualitätsfreie Phrasen und unsinnige Vergleiche! Ihr seid nicht Donald Trump!

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit.

Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: „Oh wie süß!!!!!“ Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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