Not the yellow from the egg


Herr We

Unsere Sprache ist nicht einfach, das will ich zugeben. Auch weiß ich, dass ich in sprachlichen Dingen oft haarscharf daran vorbeischramme, ein kleiner Klugscheißer zu sein. Auch gebe ich zu, dass sich das haarscharfe Vorbeischrammen gelegentlich nur auf das Kleine am Klugscheißer bezieht, nicht auf den Klugscheißer selbst. Doch kommt es wieder und wieder vor, dass ich Dinge lese oder höre, bei denen der Engländer (nicht) sagen würde: This rolls me the nails high.

Beispielsweise wurde heute im Radio berichtet, dass viele Rentner eine Nachzahlung erhalten werden. Die Moderatorin, von der ich annehme, dass sie eine journalistische Ausbildung in ihrer Vita hat, interviewte in diesem Zusammenhang einen Sprecher des Rententrägers und sagte zum Abschluss, dass man sich nunmehr über die „positive Nachzahlung“ freuen solle.

Ich stutzte einen Augenblick und wunderte mich, was eine positive Nachzahlung den sein möge. Nein, vielmehr wunderte ich mich eigentlich, was denn wohl eine negative Nachzahlung sein könne.

Der Philosoph würde jetzt wohl sein Klugscheißerschild heben und anmerken, dass positiv und negativ wohl vom Standpunkt abhingen. Ihr habt recht, verehrter Philosoph, die für die Rentner positive Nachzahlung ist natürlich für den Rententräger negativ, kostet sie diesen doch ungefähr 22.000.000 € (in Worten: zweiundzwanzig Millionen Euro). Doch wissen der Mathematiker und der Buchhalter vermutlich recht genau, was ich meine. Eine Nachzahlung ist eine Nachzahlung. Für den Rentner kann diese ja gar nicht negativ sein. Sie erhöht (spricht der Buchhalter) das Haben des Rentners, sie fühlt sich positiv an und ist de facto doch nur eine Nachzahlung. Das eigentlich positive, Herr Philosoph ist nicht die Nachzahlung sondern die Nachricht über diese.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir auch ein, womit ein DSL-Anbieter, dessen Namen ich wohl weiß, an dieser Stelle aber nicht nenne, sei es, um nicht zu werben, sei es, um ihn nicht bloßzustellen, wirbt. Vor ungefähr zwei Woche las ich:

„… WLAN-Modem der nächsten Generation …“

Und ich las dies schon am frühen Morgen, so dass mich diese Worte für den Rest des Tages beschäftigten.

Ich will an dieser Stelle nicht einmal darauf eingehen, dass die Formulierung „WLAN-Modem“ technischer Unsinn ist. Natürlich ist es nur ein WLAN-fähiger Router mit integriertem DSL-Modem und es gibt keinen technischen Grund, daraus ein WLAN-Modem zu machen. Aber dieses „Wort“ hat sich als Terminus in den alltäglichen Sprachgebrauch eingebürgert. Was aber in Odins Namen ist ein Gerät der nächsten Generation (abgesehen von linguistischem Unsinn)?

Die nächste Generation muss per Definition in der Zukunft liegen. Ein Gerät, vielmehr eine Gerätegeneration, die aktuell real existiert, kann die neueste Generation sein. Definitiv ist es aber nicht die nächste Generation sondern die jetzige. Und solche Dinge lassen mir tatsächlich die Haare ausfallen. Wer mich kennt, weiß, wovon ich sprechen.

Es wird sprachlich vollkommen falsch ein Eindruck von Futuristik, quasi von Postmoderne (also dem, was nach dem kömmet, welches jetzt modern ist) erweckt, um dem Verbraucher vorzugaukeln, dass man ja technologisch weiter ist, als der Rest der Welt (und selbst dann wäre es nur die neueste, nicht die nächste Generation), als hätte man die Gerät mittels einer Zeitmaschine direkt aus der Zukunft beschafft. Man täuscht den Verbraucher beinahe darüber hinweg, dass die angebotene Hardware ziemlich genau der Stand der Dinge ist. Und der Verbraucher durchschaut nicht, dass das Versprechen eine Lüge sein muss. Nicht, weil dem Verbraucher das technische Wissen fehlt, sondern weil der Verbraucher (angetrieben von öffentlichen Worten aus Werbung und Nachrichten) unachtsam mit der Sprache umgeht und nicht darauf kommt, dass es im Jetzt eben nichts aus der nächsten Generation geben kann.

Unterstützt wird dies, wie ich gerade bemerke, auch durch die ach so verhassten und doch selbst (manchmal besonders) von den Hassern immer wieder und immer stärker verwendeten Anglizismen.

Da ist bei X-Box 360, Playstation 3 und Wii die Rede von Next-Generation-Konsolen, Spielekonsolen der nächsten Generation also. Wie frage ich nennte man dann die kommende Generation? Overnext Generation? Von einer „third generation“, einer dritten Generation (obwohl das in Nintendos Fall ja nicht stimmt) kann man reden. Tut man aber nicht und so schleichen sich durch falsche Übersetzungen eben diese sprachlichen Unsinnigkeiten ins Deutsche. Etwas, das keinen Sinn macht.

Es macht schon deshalb keinen Sinn, weil nichts Sinn machen kann. Etwas kann Sinn haben, kann Sinn ergeben, aber nicht machen. Die Dinge machen nur Sinn, weil „It makes sense.“ von irgendjemandem wörtlich übersetzt wurde. Vielleicht war dessen Englisch schlecht genug, dass er „only trainstation“ – nur Bahnhof – „understood“ (verstand).

Und der große Aufreger ist für mich eben, dass dieser Unsinn den Menschen von Werbenden und Journalisten als Fakt präsentiert wird. Ich sehe gerade, dass Microsofts Wort das (Un-?)wort „Aufreger“ nicht kennt. Ich formuliere meine Worte also anders: Was mich aufregt, ist …

Ich möchte ob dieser Dinge an dieser Stelle zwei Aufrufe starten:

  1. Liebe Werbefachleute, liebe Journalisten, liebe Menschen, die ihr euch sonst noch in der Öffentlichkeit äußert, bitte, bitte, bitte achtet auf eure Sprache! Was ihr sagt und schreibt wird von Millionen Menschen gehört und gelesen. Und es lesen und hören euch nicht nur Menschen, die Deutsch ihre Muttersprache nennen. Bitte helft mit, die deutsche Sprache zu pflegen, wie es mit jedem Kulturgut (und Sprache ist eindeutig ein solches) zu tun ist.
  2. Liebe Leser dieses Blogs, sollten euch solche sprachlichen Unsinnigkeiten begegnen (und ich spreche nicht von der Holzeisenbahn – was nun, Holz oder Eisen? – oder dem berühmt-berüchtigten „halben Stück Kuchen“ – wenn ich ein Kuchenstück halbiere, kommt immer noch kein halbes Stück heraus sondern zwei ganze Stücken, die halb so groß sind wie das vorige), postet diese Stilblüten als Kommentar in diesen Blog! Zeigt die Falschheiten des Sprachgebrauchs auf und erklärt, wie es richtig(er) wäre!

Und als dritter Aufruf vielleicht: Gebraucht brauchen nur mit „zu“ (sonst braucht ihr brauchen gar nicht zu gebrauchen) und tötet nicht den Genitiv mit Hilfe des Dativs.

Gehabt euch wohl –
Der Sprachfetischist Herr We

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


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