Marionetten

Herr Naidoo hat ein neues Lied geschrieben. Das ist soweit normal. Außergewöhnlich ist daran vielleicht noch, dass Xavier Naidoo zuletzt eher damit beschäftigt schien, im TV eine heile Musikerwelt zu präsentieren, in der sich alle so liebhaben, dass man vermuten könnte, die Leute schlafen nicht nur in demselben Hotel sondern sogar in demselben Bett. Trotzdem ist er Berufsmusiker und als solcher hat er eben ein neues Lied geschrieben. Macht nichts, kommt in den besten Musikerfamilien vor.

Um ehrlich zu sein muss ich zugeben, dass ich das Lied vollkommen verpasst hätte, wenn nicht ein empöhrter Aufschrei durch sämtliche Presseerzeugnisse gegangen wäre. Zwar dürfte sich der Großteil der Menschheit im aktuellen Musikgeschehen besser auskennen als ich, da ich aber im Büro mehr oder weniger zwangläufig die Ergüsse der aktuellen Charts höre, hätte ich gedacht, dass mir ein Lied vom Xavier fünfmal am Tag durch die Gehörorgane dröhnt. Tut es nicht und deshalb hätte ich dieses Lied – auch aufgrund persönlichen Desinteresses die Söhne Mannheims betreffend – beinahe verpasst. Ist schlicht nicht meine Musik und ich hätte gut damit leben können, das Lied nicht zu kennen.

Nun kenne ich es doch. Der Dank dafür gebührt nicht Gott oder den Winden des Nordens sondern dem Skandal, dass dieses Lied darstellt, glaubt man der Presse.

Einseitig

Ich will ein paar Dinge voranstellen:

  1. Ich habe nicht vor, irgendjemanden in Schutz zu nehmen.
  2. Ich bin einer der Letzten, die „Lügenpresse!“ schreien.
  3. Eigentlich ist mir Herr Naidoo persönlich ziemlich egal. Er macht nicht meine Musik und das ist gut so.

Es ist mir wichtig, diese drei Dinge im Vorfeld klarzustellen, sodass es nicht heißen kann, ich würde erst für Aufregung sorgen und dann einen Rückzieher machen. Ich nehme niemanen in Schutz, weder Herrn Naidoo noch die Vertreter des Journalismus. Ich glaube nicht, dass unsere Presse eine Lügenpresse ist. Die gibt es nur in den USA, denn die dortige Presse berichtet kritisch über den dortigen Präsidenten.

Dennoch fällt mir auf, dass über das Lied „Marionetten“ sehr einseitig berichtet wird. Ich finde, lassen Sie mich auch das vorwegnehmen, wenig kritische Auseinandersetzung. Alles, was ich bisher zu diesem Lied las, lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: „Marionetten“ ist böse und demokratiefeindlich und Herr Naidoo muss wohl PEGIDA, AfD und den Reichsbürger zugleich angehören.

Da distanziert sich die Stadt Mannheim von ihren Söhnen1.

Es gab sogar ein Gipfeltreffen zwischen den Stadtoberen und den Söhnen2.

Die WAZ fragt, ob Xavier Naidoo „jetzt völlig spinnt“3.

Die Bild spricht klar von einem antidemokratischen Lied, einem „Hasslied gegen ALLE Politiker“4.

BILD+ sei Dank muss man hier nicht den ganzen Artikel lesen. Offiziell liest zwar ohnehin niemand, den man fragt, diese Zeitung, die auflagenstärkste Tageszeitung ist sie trotzdem. Sie gehört also in die Auflistung hinein, will man widerspiegeln, wie die verbreitete Meinung über die „Marionetten“ aussieht.

Unter dem Eindruck der verteilten Schläge nahm Herr Naidoo inzwischen auch Stellung. Sein Song könne „missverständlich“ sein. Die Söhne sind „traurig über [die] Irritationen“5.

Interessanterweise wird hierüber recht knapp geschrieben. Lediglich in der Zeit (http://www.zeit.de/kultur/musik/2017-05/xavier-naidoo-marionetten-statement-mannheim-kommentar) konnte ich auf die Schnelle einen ausführlichen Kommentar finden. Aber auch dieser Kommentar lässt nicht viel Gutes am Lied und an Xavier Naidoos Äußerung.

Ja, die Berichterstattung in der causa „Marionetten“ erscheint mir sehr einseitig. Einseitig und unreflektiert.

 

Kunst kann interpretiert werden

Unreflektiert? Einseitig? Ja, ich sehe vor meinem inneren Auge bereits die Kommentare, die Shitstorms. Ich lese schon in meinem imaginären Social Media-Account, dass ich mir doch nur den Text anschauen müsse, dann müsse mir die Demokratiefeindlichkeit doch auch ins Auge springen. Ein Grund mehr, mit Mühe und Not das soziale Netzwerk eines großen Suchmaschinenkonzerns zu bedienen. Ohne Google-Konto wäre mein Mobiltelefon ziemlich nutzlos, denn ich will mehr tun als nur zu telefonieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Natürlich bin ich auf die eingebildeten Beschimpfungen vorbereitet, denn ich habe mir den Text angeschaut und mein erster Gedanke war: „Mooooment mal! Was schreibt der denn da? So kann der doch nicht tun!“ Doch eine leise Stimme rief lauthals: „Halte ein! Warte! Stimme nicht ein in das Geschrei der Anderen! Denke!“ Und die Stimme hat recht. Es ist leicht, „Teufelswerk und Ketzerei“ zu schreien. Der Text eines Liedes jedoch ist Kunst (egal, wie kunstfertig diese Kunst ausgeübt wurde) und Kunst ist nicht absolut. Kunst ist interpretierbar. Ich muss mit dem Text eines Liedes nicht einverstanden sein. Im Mindesten aber sollte man das Werk genau unter die Lupe genommen haben, denn wie bei vielen interpretierbaren Dingen muss das, was man selbst denkt und fühlt nicht die Wahrheit sein. Wie bei vielen interpretierbaren Dingen ist es in hohem Maße davon abhängig, in welchem Kontext man das Werk betrachtet, ob der Inhalt des Textes oder des Bildes oder der Skulptur oder welches Kunstwerkes auch immer angemessen ist.

Ich will darauf verzichten, den Text hier wiederzugeben. Es gibt genügend Quellen dafür im Internet. Zum Beispiel hier: https://genius.com/Sohne-mannheims-marionetten-lyrics Nehmen Sie sich Zeit! Lesen Sie die Lyrics (wie heute so schön sagt) und reflektieren Sie kurz darüber.

Fertig? Gut, dann will ich Ihnen erklären, was mir missfällt. Was mir am Text missfällt aber auch was mir an den Zeitungsausschnitten missfällt.

 

Zerrissen

Ich will gar nicht auf die Kunstfertigkeit eingehen, mit der hier gedichtet wurde. Dies ist kein Platz für Literaturkritik. Es ist der Inhalt, mit dem wir uns beschäftigen müssen. Und oberflächlich betrachtet ist dieser Inhalt tatsächlich fragwürdig.

Bei der Lektüre verschiedener Artikel zu den „Marionetten“ (ich benutze übrigens Gänsefüßchen, weil es der Titel jenes umstrittenen Werkes ist) fiel mir auf, dass wieder und wieder nur kurze Textpassagen herangezogen wurden. Ist das der Stein der Weisen? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist aber, dass diese Herangehensweise nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Dennoch will ich es auch einmal auf diese Weise versuchen. Mal sehen, was dabei herauskommt:

„Seid ihr nicht eine Matroschka weiter im Kampf um eure Ehrenrettung…“ (2. Strophe, zweite Zeile)

Ja… Eine Matroschke im Kampf um die Rettung ihrer Ehre. Was will mir der Dichter damit sagen? Welche Ehre muss die Matroschka retten? Oder heißt das, in uns allen sind noch ganz viele andere Ich’s, eines kleiner als das Vorherige?

„Teile eures Volkes nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter“ (dieselbe Strophe, 3 Zeilen später)

Stimmt. Der Autor wendet sich mit dieser Zeile an die Volksvertreter im Bundestag. Und für sich allein genommen stimmt die Zeile, denn es gibt tatsächlich Menschen, in unserem Land, die von Verrat sprechen. Xavier Naidoo sagt hier nicht, die Volksvertreter seien Volksverräter, er sagt, es gäbe Teile dieses Volkes, die auf diese Weise argumentieren.

„Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter“ (eine Zeile zuvor)

Jetzt wird es interessant. Diese Zeile erscheint deutlich. Aber wird das Lied dadurch auch nicht in Teilen undemokratisch? Oder spricht hier nicht eher der Frust eines Menschen, der nicht wirklich sieht und weiß, was im Bundestag passiert? Was wiederum die Frage aufwürfe, ob im Bundestag tatsächlich nichts für das Volk passiert oder ob nur die Transparenz fehlt. Viel zu oft liest man nämlich von Dingen, die man selbst nicht als positiv empfindet. Geschieht im Parlament nicht mehr?

„Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid. Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid“ (direkt nach den „Volksverrätern“)

In fast jedem Beitrag zum Lied lese ich etwas von einem Aufruf zur Gewalt. Wo aber steht: „Wütender Bauer, renne mit der Forke in den Bundestag!“? Eigentlich sagt der Dichter lediglich: „Leute, wenn ihr nicht aufpasst, dann…“

Und überhaupt: Habe ich schon erwähnt, dass es sich bei diesem Text um eine Art Kunst handelt? Gerade bei der Forke sieht es sehr künstlerisch aus. Früher (ja genau, damals, als wir noch einen Kaiser hatten) ging der wütende Bauer wirklich mit der Forke auf die Herrschenden los. Ersatzweise mit einer in eine Art Pike umgeschmiedeten Sense. Früher. Heute nicht mehr. Heute passiert etwas anderes.

Was in der heutigen Zeit passiert, sieht man wunderbar in Frankreich. Le Pen und Macron in der Stichwahl um das Präsidentenamt, die etablierten Parteien wurden schon in der Vorwahl „abgewatscht“. Das heißt nicht, dass die alten Parteien wirklich tot sind. Das Ergebnis sagt mir noch nicht einmal, dass am Ende für Macron gestimmt wurde. In erster Linie – das zeigen in meinen Augen sowohl die geringe Wahlbeteiligung von nur 74% also auch die vielen ungültigen Stimmen – wurde gegen die Etablierten gestimmt. Und genau das ist die Forke des „wütenden Bauern“ von heute. Man nennt das übrigens Metapher. Glaube ich.

Genau diese Forke macht mir ehrlich gesagt auch ein bisschen Angst. Denn statt Macron hätte es auch Le Pen werden können.

Was will ich damit sagen? Auseinandergepflückt und zerrissen kann man das Lied so interpretieren wie es in der Presse getan wird. Man kann es aber tatsächlich auch anders lesen.

 

Zusammengesetzt

Und genau deshalb muss man den Text vollständig und in Gänze betrachten. Nicht die einzelnen Stellen. Das große Ganze.

Betrachte ich nämlich das Gesamtwerk, besteht der Skandal nicht darin, dass einzelne möglicherweise antidemokratische Passagen enthalten sind. Der eigentliche Skandal ist für mich die ständige Frage: „Was will der jetzt eigentlich?“

Der Sänger singt mich an. Er singt zunächst nicht die Volksvertreter an, das kommt später. Er singt mich bzw. uns an und fragt, wie lange wir noch Marionetten sein wollen. Wer will denn hier wessen Marionette sein? Wer ist dieser Puppenspieler, dessen Sachverwalter irgendjemand angeblich ist?

Ja, ich kenne den populistischen Kontext, in dem das „Weltjudentum“ uns und vor allem die Politik einem Puppenspieler gleich lenkt. Doch ich halte niemandem den Steigbügel.

„Weil ihr die Wahrheit wieder verdreht…“ und so weiter und so fort. Der Dichter wendet sich am laufenden Band an jemanden, den ich nicht sicher identifizieren kann, um dann irgendwann in der dritten Strophe endlich konkret zu werden und auf den Bundestag zu verweisen. Und dort zittert angeblich ein jeder wie seine Glieder. Hä? Wenn den Menschen im Bundestag die Glieder zittern würden, könnte ich es verstehen. Ist ein großer Raum, den muss man erst einmal warm bekommen.

„Volks-in-die-Fresse-Treter“, „Zentrum der Wahrheitsbewegung“, „Pizzagate“, „Nabelschnur Babylons“ – alles in Allem lese ich eine eher leere Aneinanderreihung von Platitüden. Vielleicht soll es ein Protestsong sein. Ist es aber nicht.

Vielleicht meint Xavier Naidoo entgegen dem, was in der Presse steht, sogar das Richtige. Gerade wenn man solche Texte liest, wird Herrn Naidoo auch gerne sein Auftritt vor den Reichsbürgern vorgehalten. Dabei wird aber in keiner Weise darauf eingegangen, was Naidoo dort wirklich sagte. Vielleicht meint er also das Richtige. Er sagt es nur nicht. Im Gegenteil spult er, so weit gehe ich mit der Presse mit, populistischen Unsinn ab, den die AfD nicht besser formulieren könnte. Deshalb sollte er vor allem eines tun: Aufpassen, dass er nicht zur Marionette der Populisten wird, zu deren Steigbügelhalter und Sachverwalter.

Es scheint oberflächlich tatsächlich so, dass Xavier Naidoo mit diesem Lied eine Linie überschreitet, es mutet oberflächlich tatsächlich wie ein populistischer Schulterschluss mit dem Wutbürger an. Doch gestatten Sie mir eine Frage: Wie wenig populistisch sind die Reaktionen in den Zeitungen? Wie sehr setzt man sich mit dem Text auseinander? An welcher Stelle diskutiert man den Text? Ist man wirklich besser?

Mir muss der Text nicht gefallen und er tut es auch nicht. Aus verschiedenen Gründen. Doch es ist leicht „Ketzerei“ zu brüllen und die Stellungnahme des Künstlers abzutun. Das wiederum ist nicht weniger populistisch.

Das Lied ist so inhaltsleer wie all die Platitüden derjenigen, mit denen man Naidoo in einen Topf wirft. Aber eine Argumentation lässt die Öffentlichkeit ebenso vermissen wie das Lied selbst.

Eins ist Xavier Naidoo aber unbestreitbar gelungen: Aufmerksamkeit zu erregen. Er bekam sogar meine Aufmerksamkeit, obwohl er eben kein für mich und meinen persönlichen Musikgeschmack interessanter Künstler ist. Sollte die Aufmerksamkeit das Ziel – mit welchem Hintergedanken auch immer – gewesen sein: Mission erfüllt!

Ach und lieber Herr Naidoo: Wenn es wirklich stimmt, dass Ihr Unterbewusstsein dieses Lied schrieb, rate ich Ihnen, nicht mehr auf Ihr Unterbewusstsein zu hören. Wenn Sie eine Melodie hören, halten Sie inne! Lassen Sie die Melodie wirken! Denken Sie! Und dann schreiben Sie den Text ganz bewusst! Dann bekommt das nächste Lied vielleicht wieder einen ordentlichen und anspruchsvolleren Text – sowohl inhaltlich als auch künstlerich und sprachlich.

Ihr Herr We

 

 

1 http://www.rnz.de/nachrichten/metropolregion_artikel,-Metropolregion-Nach-Marionetten-Song-Mannheim-distanziert-sich-von-seinen-Soehnen-_arid,271845.html

2 http://www.spiegel.de/kultur/musik/soehne-mannheims-und-stadt-krisentreffen-wegen-rechtspopulistischem-lied-a-1146732.html

3 https://www.derwesten.de/panorama/spinnt-xavier-naidoo-jetzt-voellig-diese-fragwuerdigen-lyrics-sind-auf-dem-neuen-soehne-mannheims-album-id210393221.html

4 http://www.bild.de/bild-plus/unterhaltung/musik/xavier-naidoo/wo-bleibt-der-aufschrei-51610510,view=conversionToLogin.bild.html

5 http://www.bild.de/news/aktuelles/news/naidoo-verteidigt-lied–soehne-mannheims-51665054.bild.html

 

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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