Geschichten und die heutige Zeit


Herr We

Vielleicht habe ich heute einen Bibeltag. Vielleicht ist es auch nur Zufall. Vielleicht liegt es schlicht an einem Projekt, an dem ich arbeite, dass mir so wirre Gedanken kommen.

Nachdem ich schon auf dem kleinen Vetter des Gdnoddes über meine persönliches Weltgericht sinnierte, ging mir noch eine Kleinigkeit durch den Kopf. Wie sähe das Christentum eigentlich aus, geschähen all die Dinge, die in der Bibel geschrieben stehen heute?Ich möchte voranschicken, dass ich an dieser Stelle keinerlei Glauben mit den Füßen treten will. Als bibeluntreuer Nichtchrist steht mir dies nicht zu. Doch stelle ich mir ernsthaft die Frage, ob das, was die Schrift uns lehrt, heute noch lebbar wäre.

Nehmen wir beispielsweise die Noah-Affäre.

Noah-Affäre? Ganz recht, liebe Gdnoddserinnen und Gdnoddser, liebe Gdnoddsleserinnen und -leser, liebe Anwesende, die Noah-Affäre. Denn genau das wäre die Geschichte mit der Sintflut heute.

Kurze Zusammenfassung für die Nichtbücherleser: Gott war sauer auf die Menschen und beschloss einen Reboot. Einmal ordentlich Wasser über die Erde kippen und die sündige Menschheit wegspülen. Aber da war Noah nebst Familie und diese Menschen waren fromm und hatten Gottes Wohlgefallen. Also hieß Gott den guten Noah, auf einer selbstgezimmerten Arche zu fliehen und bei der Gelegenheit die Tiere der Welt zu retten.

Wie nun sähe das heute aus?

Noah ist ein Unternehmer. Noah hat ein paar Weinberge und sein Wein verkauft sich gut in aller Welt. Ein 1989er Noah rouge wurde neulich bei Sothebies für 98765,40 € versteigert.

Noah ist grundsätzlich zufrieden und dankbar. Aber selbst für ihn ist das Wetter unberechenbar und so beschloss er, das Risiko zu splitten. Noah gründete eine Reederei.

Die Reederei wiederum könnte besser laufen. Noah ist eben kein Schiffer. Er hat Ahnung von Wein aber nicht davon, wie man eine Reederei führt. Nachdem der 5. CEO keinen markanten Gewinn erwirtschaften konnte, nimmt Noah das Zepter selbst in die Hand.

Eines Tages erhielt Noah einen Anruf.

„Noah?“

„Ja?“

„Hier ist Gott.“

„Guten Tag, Herr Gott! Wie ist das Wetter in Prag?“

„Prag?“

„Sie leben doch in Prag?“

„Heiße ich Karel?“

„Oh! DER Gott! Was kann ich für Dich tun, Gott?“

„Ich muss es mal ordentlich regnen lassen. Gibt ’ne ziemliche Sauerei, Überschwemmungen ohne Ende. Eigentlich nur eine Überschwemmung, die aber überall. Wollte Dir nur Bescheid geben. So unter uns. Bau mal ein großes Schiff, ich maile Dir gleich die Pläne.“

Noah bekam Minuten später eine E-Mail mit dem Bauplan der Arche. Er gab das Schiff in Auftrag – hundsteuer, aber was soll’s? – und annoncierte, man könne Tiere bei ihm abgeben für den Fall eines Katastrophentransports zu Wasser. Erste Anleger wurden hellhörig, weil die kleine, eher dahindümpelnde Reederei Noah & Co. KGaA so ein riesiges Schiff beauftragte. Da lag Geld in der Luft. Das Schiff war fertig, es fing an zu regnen. Die Tiere wurden anbord gebracht, Noah freute sich über die Einnahmen, die Aktien kletterten in den Himmel. Noah hatte es geschafft.

Die Flut kam, die Flut ging. Noah landete wieder, die Tiere wurden entladen, Noah freute sich. Das Geschäft war gut, es war sogar noch gute Werbung für ihn. Doch kaum waren die Tiere vom Schiff verschwunden, kamen offiziell aussehende Herren mit Aktentaschen begleitet von vier Uniformierten auf Noah zu und verhafteten ihn. Die Herren waren von der Börsenaufsicht.

Noah, kam in U-Haft und teilte sich die Zelle mit einem älteren Herren mit langem weißen Bart.

„Hallo, ich bin Noah.“

„Ich bin Gott.“

„Hallo Karel!“

Gott blitzte kurz mit dem Finger in Noahs Richtung.

„Oh! DER Gott! Was machst Du denn hier?“

„Die haben mich wegen Insiderhandels verhaftet.“

Liebe Anwesende, liebe Gdnoddsleserinnen und -leser, liebe Gdnoddserinnen und Gdnoddser, es gibt nichts zu deuten an dieser Angelegenheit, dieser Affäre. Gott gibt Noah einen Insidertipp, den kein anderer erhält und Noah verdient sich eine güldene Nase. Das ist Insiderhandel. Und ja, ich glaube, dass die Finanzaufsichtsbehörden sogar Gott verhaften würden.

Doch damit nicht genug. Was zum Beispiel ist mit der Geschichte um Kain und Abel?

Kurzfassung: Kain und Abel waren Brüder, Kain war der Erstgeborene. Kain war Bauer, Abel Hirte. Kain opferte Gott von den Früchten des Feldes, Abel „von seinen Lämmern und ihrem Fett“. Gott mag Abels Opfer lieber und zeigt keinerlei Verständnis für Kain. Letzterer erschlug seinen Bruder daraufhin im Streit.

Gemeinhin wird diese Tat als der erste Mord bezeichnet. Aus heutiger Sicht lässt sich eine Mordanklage jedoch nicht mehr stützen. Für eine Mordanklage brauchen wir 3 Dinge:

1. ein Motiv: Eifersucht. Das Motiv haben wir.
2. die Gelegenheit: Die Brüder trafen sich auf dem Feld, auf dem Kain Abel erschlug. Ist also auch geritzt.
3. den Vorsatz: Ein Mord ist immer eine vorsätzliche Tat. Doch hatte Kain vor, seinen Bruder zu töten? Nein, er handelte ohne Vorsatz, er handelte im Affekt.

Als Nichtjurist würde ich also sagen, dass es sich höchstens um einen Totschlag handelte. Die Genesis müsste also umgeschrieben werden, aus dem Brudermord ein Brudertotschlag gemacht werden. Oder?

Oder auch nicht. Denn was geschah wirklich? Die Brüder stritten, Kain schlug zu, Abel fiel, schlug sich den Kopf auf und verstarb an der Verletzung. Weder Brudermord, noch Brudertotschlag. Bruderkörperverletzung mit Todesfolge.

Gemessen an den Umständen, nämlich daran, dass Gott den älteren Bruder ungerecht behandelte, wäre das Strafmaß eine relativ kurze Freiheitsstrafe, die möglicherweise sogar zur Bewährung ausgesetzt würde.

Doch ist die Geschichte damit noch nicht zu Ende! Wie ist eigentlich Gottes Rolle in dieser Angelegenheit zu bewerten? Trägt Gott nicht Mitschuld am Geschehenen?

Ja, liebe Gemeinde, ich sehe Gott schon vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte.

Oder Hiob. Hiob war ein frommer Mann und der Teufel meinte, wenn man ihm nur genug zusetze und Gott ihm nicht helfe, würde selbst Hiob sich von Gott abwenden. Gott ließ den Teufel den armen Hiob so richtig piesacken, aber es half nichts. Hiob blieb fromm.

Und nun versetzen wir diese Geschichte in die heutige Zeit. Heute gäbe es keine heimliche und stille Wette zwischen Gott und dem Teufel. Heute wäre alles ganz anders.

Ein privater Fernsehsender würde ein neues Format vorstellen: GSDS – Gott sucht den Superfrommen

Die Moderation übernähme ein Mann, den wir alle kenne und der sogar Gott immer wieder ein Lachen ins Gesicht zaubert: Thomas GOTTschalk. Fünf Kandidaten stellen sich vor. Ein jeder muss 17 Samstage lang in Mottoshows allerlei Ungemach über sich ergehen lassen, welches der Teufel ihm beschert. Am Ende der Show wertet eine dreiköpfige Jury aus den Erzengeln Gabriel und Michael sowie einem norddeutschen Musikproduzenten aus, wie fromm die Kandidaten geblieben sind. In den letzten vier Shows darf das Publikum vor der heimischen Glotze dann zum Telefon greifen und den Kandidaten rauswählen, der seiner Meinung nach nicht fromm genug geblieben ist. Oder aber (wahrscheinlicher) wer am die wenigsten gute Figur (gemacht) hat.

Der Fernsehsender hat riesige Einschaltquoten und dem Sieger winken Reichtum und Glück bis an sein Lebensende. Dafür steht er natürlich anschließend unter Vertrag und muss eine CD mit dem norddeutschen Musikproduzenten aufnehmen.

Ja, alles hat einen Haken.

Was nun lernen wir aus alldem? Zum Glück geschahen all die Geschichten in der Bibel vor Tausenden von Jahren. Die heutige Zeit lässt solche Wunder nicht mehr ungestraft zu.

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


2 Senfkörner zu “Geschichten und die heutige Zeit”

  • Muse sagt:

    Verehrter Herr We.

    Es fing mit der Bibel an und zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch unser aller Leben. Geschichte wird geschrieben, Geschichte wird
    gelehrt und das, was einst niedergeschrieben wurde, wird dann ja -bitte schön- auch der Wahrheit entsprechen.

    Also muss Kain ein Brudermörder sein. So steht es zumindest geschrieben.

    Denkste.

    Und, Herr We ? Wer ist der Kanzler der Vereinigung und wann feiern wir
    den Tag der Deutschen Einheit ?

    Das alles ist nachzulesen -für die Ewigkeit-
    in unseren Geschichtsbüchern.

    Richtig, Herr We.

    Herr Kohl ist der umjubelte Kanzler und wir feiern den Tag am 3. Oktober. In den Geschichtsbüchern steht nicht, dass Herr Kohl ortsabwesend war, als die Mauer fiel. Er wurde im Ausland darüber informiert und er reiste an.

    Die Mauer fiel am 9. November, aber wir feiern den Tag am 3. Oktober. Logisch, oder ? Das machen wir doch alle so. Wir heiraten und vereinigen uns am 9. November und
    feiern stattdessen am 3. Oktober. Tolle Idee.
    Ich habe im Winter Geburtstag und feier ab sofort im Sommer. Das beschließe ich jetzt mit einem Vertrag. Mir doch egal, wann ich tatsächlich geboren bin. Das ist mir sowas von egal. Ich beschließe das jetzt einfach so. Punkt. Aus. Ende. Schluß. Was kümmern mich historische Daten und Fakten ?

    Wer erinnert sich noch daran, dass Peter Hartz wegen Untreue verurteilt wurde ? Ich erinnere mich nur noch schwach daran. Aber irgendwas war da mal.

    Hartz IV ? Glaubt man deswegen, dass jeder Hartz IV Empfänger Leistungen erschleichen will ?
    So wie der Herr sein Gescherr ?

    Manchmal muss ich lachen.
    Vielleicht bin ich auch nur zu blöd für diese Welt.

    Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 %. Eine Erhöhung um 3 % ? Logisch !
    Denn von 16 bis 19 = 3
    So zumindest, war es damals überall zu lesen. Und dann muss es ja stimmen.

    Aber wieviel zahle ich tatsächlich mehr ?
    Hier könnte der Dreisatz eine erste grobe Marschrichtung vorgeben. Aber, den brauchen wir nicht. Denn von 16 bis 19 sind es nun mal unbestritten 3. Da kann man nicht dran rütteln.

    Ja, Herr We. Was in den Büchern geschrieben steht muss einfach wahr sein.

    Und heute ist eben doch nicht alles anders. Es fühlt sch nur anders an. Und da die Zeitzeugen irgendwann einmal sterben oder nur noch schweigen können, glauben wir das, was in den Büchern geschrieben steht.

    Herr We,
    lassen Sie uns dieses wichtige Thema nicht aus den Augen verlieren, lassen Sie uns stattdessen ausführlich und immer wieder davon berichten.

    Lassen Sie uns gdnoddsen, damit unsere Kinder die Wahrheit kennen. Ich denke, Herr Es wird uns darin unterstützen.

    Herr We, Herr Es, liebe Leserinnen und Leser haben Sie Vorschläge……? Kennen Sie noch andere Beispiele ?

    Muse

  • Herr We Herr We sagt:

    Verehrte Muse,

    viel verblüffender als die Tatsache, dass das, was geschrieben steht, die „Wahrheit“ ist, ist für mich der Umstand, wie diese Wahrheit oft im Gedächtnis der Menschen bleibt. Höchst unvollständig nämlich. Längst schon ist es nicht das Geschriebene, welches die Wahrheit bildet, sondern das mündlich nacherzählte Geschriebene. Um bei der Bibel zu bleiben: Fragen Sie in Ihrer Verwand- und Bekanntschaft doch einmal nach der Geschichte um Kain und Abel! Fragen Sie danach, was sich dahinter verbirgt, was damals geschah! Bedingung: Die Probanden dürfen nicht nachschlagen.

    Ich wage eine Prognose: Die meisten Antworten werden auf den Brudermord – die Bruderkörperverletzung mit Todesfolge – abzielen, doch die Story dahinter werden die Wenigsten in nachzuschlagen wiedergeben können.

    Ja, verehrte Muse, liebe Gdnoddsgemeinde, selbst in der katholischen Bevölkerung ist dieses Wissen nicht immer parat. Ich machte den Test, die Antwort war: „Ich weiß nur, dass Kain Abel umgebracht hat.“ Es musste erst ein bibeluntreuer Nichtchrist daherkommen, das „Wissen“ um die näheren Umstände der Tat zu bringen.

    Viele Wissende rümpfen die Nase über Internetportale wie Wikipedia. Wahrscheinlich könnte Wikipedia etwas restriktiver sein, was das Einstellen von Wissen betrifft, um einfach die Qualität dieses Wissens zu sichern, die Richtigkeit der Angaben zu gewährleisten. Dennoch halte ich solche Enzyklopädien für wichtig, nehmen sie doch mehr und mehr den Platz des großen Brockhaus ein. Und es ist mir lieber, in einer Onlineenzyklopädie nachzulesen, als unvollständig erzählt zu bekommen. Denn das Lesen des Textes eröffnete mir ein wenig den Hintergrund der Tat Kains.

    Ob wir den 3. Oktober feiern sollten oder nicht, mag ich an dieser gar nicht bewerten. Gesicherter Fakt ist, dass dieses Datum in der deutschen Geschichte ursprünglich keinerlei Bedeutung hatte. Ihm wurde erst durch den Einigungsvertrag eine Bedeutung übergestülpt. Der 3. Oktober ist fürwahr ein willkürliches Datum.

    Willkürliche Daten haben allerdings Tradition. Ich erinnere an den 17. Juni, der in der alten Bundesrepublik der Tag der deutschen Einheit war. Welche Bedeutung hatte dieses Datum? Am 17. Juni 1945 wurde in Köln die CDU gegründet. Das war sicherlich nicht der Feiergrund. Man wählte dieses Datum willkürlich als Nationalfeiertag, nachdem am 17.06.1953 in der DDR ein Aufstand niedergeschlagen wurde. Noch einmal zum Mitschreiben: Das war in der DDR. Welche staatstragende Bedeutung hatte dieses Datum für die Bundesrepublik Deutschland?

    Suche ich nach einem Nationalfeiertag, bietet sich sicherlich der 9. November an, da die Ereignisse dieses Tages im Jahr 1989 den 3. Oktober erst ermöglichten. Doch ist dieses Datum nicht wirklich präsent. Es wird der gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Ausschreitungen des Jahres 1938 gedacht. Das ist richtig und gut. Vielleicht verhindert diese Geschichte auch den 9.11. als Nationalfeiertag. Wir haben schließlich ein Erbe. Aber der Mauerfall ist an jenem Tage fast genauso unpräsent wie die Novemberrevolution 1918. Gibt es eigentlich Schriftliches über das Thema Mauerfall? Nicht jedenfalls populär in der Öffentlichkeit platziert. Dies sollte man bis zum nächsten Jahr nachholen, sind die Ereignisse in der untergehenden DDR dann doch 25 Jahre her.

    Und selbst dann: Man wird 25 Jahre Mauerfall feiern. Aber warum fiel die Mauer? Was ging dem voran? Feiert man nächstes Jahr auch 25 Jahre Montags-Demo? Ich bin dafür. Mit einer Montags-Demo vielleicht, eine Montags-Demonstration gegen das Vergessen.

    Die Mehrwertsteuer stieg übrigens in der Tat um 18,75%. Sagt der Mathmatiker. Es waren 3 Prozentpunkte, aber wenn ich auf 1DM netto plötzlich 19 statt 16 Pfennige Steuer zahle, sind das 18,75% mehr. Ich folgte an dieser Stelle dem von Ihnen vorgeschlagenen Dreisatz.

    Kurzum:

    1. Geschichte schreibt der Sieger.
    2. Wahrheit ist nicht, was geschrieben steht, sonder was erzählt wird.
    3. Die Geschichte(n) würde(n) heute nicht mehr so funktionieren, wie es damals war, weil die Familie von Hänsel und Gretel unter Beobachtung des Jugendamtes stünde. Andererseits könnte sie doch wie damals funktionieren, nur dass man nicht wie Nero die Christen als Sündenbock sucht sondern Computerspiele, die aggressiv machen, wie jeder weiß. Ja, Computerspiele fördern die Agrressivität. Es ist wahr, denn es steht geschrieben und wurde so erzählt.

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