Juhu! Wir haben eine Datenbank!


Herr We

Seit gestern (für alle, die später zugeschaltet haben: seit 19. September 2012) haben wir eine Rechtsterrorismusdatenbank. Ich frage mich: „Warum?“

Um Ihren verwirrten Blicken Aufmerksamkeit zu zollen, liebe Mitleser, lassen Sie mich betonen, dass

a) ich die Frage absichtlich so stellte, weil ich mir auf diese Weise Ihrer Aufmerksamkeit und Ihres Mitdenkens sicher bin und

b) jenes „Warum?“ ein Paradebeispiel für das Potential an Missverständnissen unserer Sprache ist, bezieht sich die Frage doch nicht auf die Datenbank an sich sondern auf den Zeitpunkt.

Warum wir überhaupt die Datenbank haben ist leicht zu beantworten. Es gab eine rechtsextremistisch motivierte Terrorwelle, ein Aufschrei ging durch die Bevölkerung und man sah sich gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. So weit, so gut. Aber …

Lassen Sie mich einen Schritt zurück in der Historie unserer Zivilisation machen. Es war der 11. September 2001, an welchem islamistische Extremisten Selbstmordanschläge auf der World Trade Center und das Pentagon verübten. Seither führt die westliche Welt einen „Krieg gegen den Terror“, welcher in der Tat eher den Islam im Visier hat.

Lassen Sie mich noch ein paar Schritte zurück machen. Es waren die siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts nach Christi Geburt. Linke Terroristen der „Rote Armee Fraktion“ entführten und töteten Menschen. Seither wird von den Behörden argwöhnisch beäugt, was links ist.

Was haben wir also? Extremisten verschiedener Art, die seit Jahren beobachtet und bekämpft werden. Warum also haben wir erst jetzt eine Datenbank über rechte Täter? Hat wirklich jemand geglaubt, dass es so etwas nicht gibt?

Doch, denke ich genauer darüber nach, muss ich eingestehen, dass letzteres nicht die richtige Frage war. Bei genauer Betrachtung ergibt sich für mich ein ganz anderes Bild.

Das erste, was mir auffällt, ist ein Feindbild, welches der Mensch wohl immer braucht. Zur Zeit des Kalten Krieges waren es – abhängig davon, auf welcher Seite man stand – der böse Kommunismus und der böse Imperialismus. Der Kalte Krieg war vorbei, es musste ein neues Feindbild her. Der Einfachheit halber bediente man sich Nationen, die in den 1980ern noch aktiv unterstützt wurden. Später kam man wieder auf die Idee, einen Kreuzzug zu führen.

In keiner Weise will ich gutreden, was die neuen Gegner, die man sich suchte, taten. Auffällig ist jedoch, dass gerne pauschalisiert wird. So wird Front gegen den Islam gemacht, obwohl es nur einige wenige Vertreter des Islam sind, die eine Bedrohung darstellen. Man schaut auf den Islam und nach links. Mehr oder weniger dauerhaft. Erst als etwas geschah, als eine rechte Terrororganisation mehrere Morde verübte, schwenkte die Öffentlichkeit ihren Blick auch nach rechts, wurde die Politik aktiv. Oder wurde sie aktionistisch, um die Öffentlichkeit zu beruhigen?

Denn wenn wir ehrlich sind, ist das Problem auf keinen Fall neu. Jahre lang wurde versucht, die NPD zu verbieten, eine Maßnahme, die in meinen Augen Unsinn ist. Unsinn? Ja, denn die Mitglieder der verbotenen Partei würden sich anderweitig organisieren. Und der Hickhack um die gescheiterten Verbotsversuche bescherten der Partei lediglich eine Aufmerksamkeit und eine Plattform, die ganz sicher nicht gewollt gewesen sein konnten. Angesichts der Ereignisse, die nun endlich zur Schaffung jener Datenbank, deren Fütterung nunmehr für alle Ordnungsbehörden verpflichtend ist, wirkt der verzweifelte Verbotsversuch beinahe wie Augenwischerei.

Interessant hierbei ist für mich nicht einmal die Schaffung der Datenbank. Zwar hätte auch dies schon längst geschehen können, doch wäre es sicherlich denkbar gewesen, nicht erst jetzt die einzelnen Polizeibehörden zu verpflichten, Daten untereinander auszutauschen, sich zu vernetzen.

Interessant und verwirrend ist für mich außerdem der Umstand, dass stets nur „die üblichen Verdächtigen“ in den Blickpunkt gezogen werden. Islamistische Extremisten und Hassprediger? Gibt es. Aber gibt es solche nicht auch in anderen Religionen? Was ist mit den Anschlägen in Norwegen im vergangenen Jahr? Der politische Standpunkt des Täters wird als „konservativ, christlich, nationalistisch und antimuslimisch bis hin zu rechtsextremistisch und christlich-fundamentalistisch“ beschrieben (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Anschl%C3%A4ge_in_Norwegen_2011). Zwar bin ich mir des Umstandes bewusst, dass Wikipedia nicht immer als zuverlässige Quelle angesehen wird, aber in dieser Form wurde seinerzeit auch in den Medien berichtet.

Wer also, frage ich mich nun, hat ein Interesse daran, christlich-fundamentalistische Täter von der Beobachtung auszuklammern? Herr Breivik ist kein Einzelfall. Ich glaube, mich zu entsinnen, dass die Anschläge auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City auch zumindest teilweise derart motiviert waren. Wer also, frage ich mich, hat ein Interesse daran, rechten Terrorismus nach Möglichkeit nicht zu betrachten?

Ich bin ratlos. So richtig ich die jetzt endlich getroffenen Maßnahmen finde, bleibe ich doch bei meiner Eingangsfrage: Warum? Warum erst jetzt? Warum musste die Sache erst derart überkochen?

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


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