„Immer Ärger mit Mark Z.“

Vielleicht erscheine ich gleich etwas inkonsequent. Ich werde versuchen, diesen Eindruck zu vermeiden oder zumindest aufzulösen.

Vielleicht denkt der Eine oder der Andere bei der Überschrift: „Du gute Güte! Zieht der schon wieder über Facebook her?“ Nein, tut er nicht. Aber das große Netzwerk ist so allgegenwärtig, dass es immer irgendwo aneckt und immer einen Grund zum Gdnoddsen liefert. Selbst dann, wenn es nichts dafür kann.

Haben Sie schon gehört? Der für das Lateinamerikageschäft zuständige leitende Mitarbeiter Facebooks ist in Brasilien verhaftet worden! Und alles nur, weil Facebook sich weigerte, Informationen über WhatsApp-Nutzer im Rahmen eines laufenden Ermittlungsverfahren gegen den Drogenschmuggel und das organisierte Verbrechen preiszugeben (http://winfuture.de/news,91250.html). Wird er wohl verdient haben, dieser Mensch der! Oder nicht? Wer weiß?

Auf jeden Fall provozierte diese Meldung – wie sollte es anders sein, wenn Facebook Schlechtes widerfährt – eine prompte Reaktion. Ich zitiere wörtlich. Ach was! Ich zitiere buchstäblich:

„ich weiss nicht inwiefern den meisten bewusst ist das brasilien zu den sozialistischsten ländern auf der welt gehört. der brics „ostblock“ wenn man so will.
bin kein fan von facebook, whatsapp und co. – generell finde ich aber immer eine sauerei das der staat sich alles heraus nehmen will.

als überzeugter libertärer und anarchist – tot allen staaten.

staaten sind das problem der wellt, hirarchien und obrigkeitstreue vollidioten ebenfalls.“

 

Nicht meine Worte. Nicht meine Buchstaben. Nur ein getreues Copy’n’Paste-Zitat aus den Kommentaren zu obigem Artikel. Mir selbst würde so etwas nicht passieren, da ich

a) der deutschen Sprache mächtig bin und Grundregeln wie Zeichensetzung und Groß- und Kleinschreibung beherrsche und

b) natürlich keine bedeutungsleeren Kommentare hinterlasse.

Ja, ich gebe es zu: Ich habe mich hinreißen lassen. Ich wollte eigentlich nichts sagen aber es ging nicht anders. Einem emotionalen Impuls folgend führte ich die Parole des Kommentierenden in ihre endliche Konsequenz fort: Tod auch der Orthografie! Denn als überzeugter Libertärer und Anarchist beugt man sich keinen Regeln. Auch nicht dem Duden.

Eigentlich war meine Reaktion einen regelrechten Shitstorm wert. Es hielt sich aber in Grenzen. Ich bekam sogar drei + für meine Äußerung. Klappt sonst nicht!

Aber es kam auch Kritik an meiner Rechtschreibkritik. Ja, es stimmt: Nur die Rechtschreibung zu kritisieren ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Man muss das Ganze auch inhaltlich auseinandernehmen. Fangen wir an:

Brasilien ist also eines der sozialistischsten Länder dieser Welt. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich mich je dafür interessierte, ob Brasilien sozialistisch ist. Es kommt mir auch nicht so vor. Aber was hat eigentlich der Sozialismus mit der Angelegenheit zu tun? Impliziert hier jemand, eine solche Verhaftung, weil eine Firma Kundendaten nicht herausgeben will, sei für den Sozialismus typisch? Ich frage nur, ich behaupte nicht. Denn die Antwort wäre natürlich ein großes Nein.

Es ist auch nicht so, dass es eine Rolle spielte, ob Brasilien sozialistisch ist. Einerseits sollte eine Betrachtung, ob etwas moralisch richtig ist, von der Gesellschaftsform unabhängig sein, andererseits ist der Kapitalismus – die freie Welt, wie sich der Kapitalismus so gerne nennt – nicht besser, wenn ich mal unzulässigerweise in solchen ideologischen Bahnen denken darf. Erinnern Sie sich? Das FBI geht gegen Apple vor, weil Apple nicht bei der Entsperrung eines iPhones helfen will. Wäre dies legitim (es geht vorgeblich um die Aufklärung einer Straftat), wäre auch das brasilianische Handeln legitim (es geht um die Aufklärung von Straftaten).

Haben die brasilianischen Behörden unverhältnismäßig gehandelt, wie Facebook behauptet? Nach deutschem Recht wahrscheinlich. Nach US-amerikanischem Recht immer noch möglich. Nach brasilianischem Recht? Ich bin weder Jurist noch in brasilianischem Recht bewandert. Wie kann ich so etwas beurteilen? Gar nicht.

Tod den Staaten? Staaten sind das Problem der Welt? Manchmal… Ja, manchmal wünschte ich, ich dürfte sagen, was ich eigentlich sagen will. Aber ich will seriös bleiben, will argumentieren.

Was sind Staaten? Vor allem und in erster Linie sind Staaten Gemeinschaften von Menschen. Und wo Menschen zusammenleben, muss es Regeln geben. Mir müssen die Regeln und Gesetze eines anderen Landes nicht gefallen. Ich muss sie aber akzeptieren. Wer bin ich, die Gesetze eines anderen Landes als Unrecht darzustellen? Die Gesetze Brasilien mögen mir unmoralisch erscheinen, doch selbst das will ich eigentlich gar nicht beurteilen, da ich diese Gesetze nicht kenne. Ich muss sie trotzdem akzeptieren und wenn die brasilianische Rechtslage die Verhaftung ermöglicht und rechtfertigt, ist das so.

Wo Menschen zusammenleben, muss es Regeln geben. Ich überlege, was wohl passiert, wenn ich mich in die Wohnung des Kommentators begebe und mich dort fröhlich am Kühlschrank bediene? Reicht es, wenn ich behaupte, Anarchist zu sein? Oder muss ich mich doch an seine Regeln (und die des anständigen menschlichen Zusammenlebens) halten, weil es seine Wohnung ist?

Ich erwecke vielleicht den Eindruck, die brasilianischen Behörden zu verteidigen. Nein, das habe ich nicht vor, denn die moralische Frage, die ich den US-Behörden stellte, gilt für alle. Ich bin immer noch ein Gegner staatlicher Willkür. Aber die Gesetze sind nun mal da und sie gelten. Wir verlangen von Facebook (zu recht), dass sich der Konzern an die deutschen Gesetze hält, wenn er sich in Deutschland betätigt. Dasselbe Recht und dieselbe Erwartungshaltung darf man auch Brasilien zugestehen, richtig?

Überhaupt: „Die Staaten sind das Problem dieser Welt?“ Mitnichten!

Es gibt viele Probleme auf dieser Welt. Die Staaten sind keines davon. Die Mächtigen sind ein Problem. Die Mächtigen, die das Gesetz beugen, brechen und sich darüber hinwegsetzen. Ein weiteres Problem, das in der Causa Brasilien gegen Facebook ins Spiel kommt, ist die Gier der Konzerne. Niemand zwingt, Facebook/WhatsApp in Brasilien tätig zu sein. Niemand außer dem Drang des Konzerns, jeden Cent mitzunehmen, den er mitnehmen kann. Und das betrifft nicht nur Facebook. Es betrifft auch andere Konzerne, die nicht den A**ch in der Hose haben, das Land XY nicht zu bedienen. Drastisch übertrieben: Wenn Facebook nicht mit den brasilianischen Regeln einverstanden ist, ist der Konzern eingeladen, Nutzer aus Brasilien zu blockieren. Zwar könnte der Westeuropäer, der in Brasilien Urlaub macht, Facebook/WhatsApp dort nicht nutzen, er weiß das aber, bevor er dorthin fährt und entscheidet sich dann ggf. aktiv und bewusst dafür, trotzdem hinzufliegen. Niemand zwingt Facebook, in einem bestimmten Land zu agieren.

Unter uns: Was sagt wohl das brasilianische Volk, wenn sich Facebook aus Brasilien zurückzieht? „Böses Facebook?“ Oder vielleicht doch: „Hier läuft was schief!“

Ich stelle mir übrigens gerade vor, Apple würde sich aus den USA zurückziehen. Natürlich wäre das wirtschaftlich schwer zu verkraften. Aber für beide Seiten. Stellen Sie sich vor: Tausende Arbeitsplätze in den USA fallen weg, Apple (und Google und MS und…) zahlen in den USA überhaupt keine Steuern mehr, der amerikanische Tech-Lemming kriegt sein neues iPhone nicht… Chaos! Anarchie! Weltuntergang!

OK, ich schwiff ab. Wo war ich? Ach ja! „Tod den Staaten!“

Ehrlich, größeren Blödsinn habe ich selten gehört. Spielen wir ein Spiel! Lassen wir die Staaten sterben. Was kommt dann? Anarchie? Hah! Nie und nimmer! Der Stärkere wird sich durchsetzen. Heißt: Verschwinden die Nationalstaaten, übernehmen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die Großkonzerne die Macht. Herzlichen Glückwunsch! Will ich das? Nein. Macht’s gut und danke für den Fisch!

Nachtrag (20:37 Uhr): Soeben erhielt ich die Nachricht, dass man meinen Beitrag leider entfernen musste, weil ich mich über die Rechtschreibung erregte. Geht doch!

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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