Ich hap kaine Anunk


Herr We

Über die Rechtschreibreform wird vernichtend geurteilt.

Schon bei ihrer Einführung 1996 gab es zahlreiche Gegner. Namhafte Autoren unterschrieben seinerzeit ein Papier, die „Frankfurter Erklärung“, gegen die Einführung, im April 2004 wurde von der „Deutschen Sprachwelt“ eine Resolution zur Rücknahme der Reform vorgelegt. Im selben Jahr erklärten u.a. der Axel-Springer-Verlag, Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung, zur alten Rechtschreibung zurückkehren zu wollen.

Nunmehr schreiben wir das Jahr 2016. Die Rechtschreibreform ist 20 Jahre alt. Zeit, eine Bilanz zu ziehen. Eine Bilanz, die nicht gut aussieht.

Wie der Focus berichtet, sei die durchschnittliche Fehlerzahl in Diktaten von 4 Fehlern in den 1970er Jahren auf 7 Fehler in den 2000ern gestiegen (http://www.focus.de/familie/schule/nicht-ausreichende-kenntnisse-verheerende-bilanz-nach-20-jahren-rechtschreibreform_id_5801067.html) und das ist eine Entwicklung, die mich nicht verwundert. Unter uns gesagt – bitte verraten Sie es niemandem – bin nämlich auch ich nicht immer sicher, ob ich alles recht schreibe. Ob ich es rechtschreibe? Ob meine Schreibweise richtig ist. Und wenn ein erwachsener Mann, der seit 36 Jahren die deutsche Rechtschreibung praktiziert und in diesem Metier als durchaus fit gilt, seiner eigenen Orthographie nicht sicher ist, kann man eine solche Sicherheit von Schülern erwarten?

Bei genauer Betrachtung sollte man diese Frage vielleicht anders stellen, aber dazu komme ich später. Was in Odins Namen ist eigentlich das Problem mit der Rechtschreibreform? Woher kommt dieser Anstieg der Diktatfehlerquote? Sind die Diktate schwerer geworden? Ist die deutsche Sprache schwerer geworden? Ist die Rechtschreibung einfach zu verwirrend?

 

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Oder gibt es gar Umstände, die die Studie verfälschen? Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass die demografische Struktur in unserem Land nicht mehr mit den Gegebenheiten der 1970er Jahre übereinstimmt. Das Land hat sich verändert.

1970 betrug der Anteil der ausländischen Bevölkerung nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung ca. 3,1% (http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61622/auslaendische-bevoelkerung). 2011 waren es 15%. Ein Anstieg um das Fünffache, der sich sicherlich auch irgendwie in der Verdopplung der Fehlerquote niederschlägt.

Sein wir ehrlich: So leicht ist die deutsche Sprache nicht und wir machen im Alltag genug falsch. Wir benutzen die Fälle nicht richtig, als und wie harren beharrlich des Tages, an dem sie nicht durcheinander gebracht werden, wir gebrauchen brauchen nicht mit zu. Dabei ist es unsere Muttersprache. Wie können wir also von Nichtmuttersprachlern eine einwandfreie Orthographie und Grammatik erwarten?

Sie kennen sicher Sätze wie: „Ich habe mir die Bluse damals gekauft, wo wir in Dresden waren.“

‚Ja‘, denke ich in solchen Momenten, ‚das Wo ist geklärt. In Dresden. Aber WANN war das? War es vielleicht ALS ihr in Dresden ward?‘

Mit anderen Worten: Die deutsche Sprache ist für uns Deutsche schwer genug. Wahlweise gehen wir schlampig damit um. Wundert sich unter diesem Vorzeichen wirklich jemand über die mangelhaften Leistungen im Deutschunterricht?

 

Neue Medien

Apropos schlampiger Umgang mit der Sprache: Ich kann den Schülern wirklich nicht vorwerfen, dass sie im Diktat Fehler machen. Es ist nicht so, dass ihnen eine einigermaßen ordentliche Sprachnutzung vorgelebt würde.

Liebe Leserinnen und Leser, wann waren Sie das letzte Mal im Internet unterwegs? Ich meine abseits des Gdnoddses. Wann waren Sie das letzte Mal in einem Forum zu Gast oder lasen Kommentare auf einer beliebigen Internetseite?

Stimmen Sie mir zu, dass es gruselig ist, was dort die Augen trifft? Es ist für mich manchmal eine regelrechte Seelenqual.

Die Großschreibung wird ebenso ignoriert wie die Zeichensetzung. Wenn die Menschen so reden, wie sie oft im Netz schreiben, ohne Punkt und Komma nämlich, dürfen sie sich nicht wundern, wenn ihnen niemand wirklich zuhört.

Ja, ich bin alt genug, um noch die strengen Limits einer SMS-Nachricht zu kennen. Man erfand aus diesem Grunde die verschiedensten Abkürzungen. Aber dies kann weder bei Facebook noch bei Twitter (man fasse sich hier einfach inhaltlich kurz) noch in Foren oder bei Kommentaren als Begründung oder auch nur Ausrede für die Ignoranz gegenüber auch nur den grundlegenstelln Regeln gelten. Es ist genug Platz da.

Wieder und wieder wird als Grund das Tippen am Smartphone angeführt. Ich gebe zu, dass die Autokorrekturmechanismen am Smartphone oft genug schlimm bis sinnentstellend sind. Aber ist der Mensch wirklich nicht mehr in der Lage, selbstständig zu schreiben? Sich der Kontrolle der Autokorrektur zu entziehen und stattdessen die Technik zu kontrollieren? Dann haben die Maschinen gewonnen. Oder leben in Wirklichkeit in der Matrix.

Ich schreibe diesen Text übrigens selbst gerade am Smartphone. SO schwer ist es nicht, dort korrekt zu schreiben.

Wenn die Erwachsenen den jungen Menschen aber als schlechtes Beispiel vorangehen, ist es nicht verwunderlich, dass die Diktate immer schlechter werden.

 

Regeln

Ich gebe zu, dass ich nicht sämtliche Regeln des Duden zitieren kann. Man muss dies auch nicht können. Aber vielleicht haben die Kritiker zumindest in Teilen Recht.

Der letzte Satz ist im Übrigen ein gutes Beispiel für streitbare Punkte im orthografischen Regelwerk. Schreibt man „Recht“ in diesem Fall nicht klein?

Es ist egal. Man kann es klein schreiben (man kann es sogar kleinschreiben), man kann auch postulieren, dass die Kritiker etwas haben. Nämlich Recht. Und was man hat ist ein Substantiv/Nomen/Dingwort.

Im Grunde müsste diese Egalität Fehler vermeiden. Doch ist es beizeiten verwirrend, dass man dies kann und jenes darf und wann wiederum nicht. Verständlich, wenn die Menschen da stolpern.

Genau hier kommt meine Hauptkritik an der Rechtschreibung: Es fehlt an Eindeutigkeit.

Esszett oder Doppel-S sind noch einfach. Nach einem langen Vokal kommt ß, sonst ss. Aber was ist mit dem einfachen S? Wenn man den Wortstamm nicht kennt, hat man verloren. Dann hilft auch keine Regel mehr.

Ein Komma vor dem Infinitiv mit zu? Früher war es einfach. Vor dem ERWEITERTEN Infinitiv kam ein Komma, sonst nicht. Heute? Heute kann ein Komma kommen. Ist der Infinitiv mit „um“ o.ä. erweitert, muss ein Komma stehen. Verwirrend. Ich glaube, ich halte mich an die alte Regel. Ist einfacher und nicht falsch.

 

Schreiben wie wir sprechen

Bis zur vierten Klasse sollen die Eltern die Rechtschreibung der Kinder nicht verbessern, heißt es. Die Kinder sollen „unverkrampft“ nach Gehör schreiben. Der Titel dieses Artikels könnte das Ergebnis solcher Pädagogik sein.

Ob Sie es glauben oder nicht: Ich sah einen ähnlichen Satz gestern in einem Nachrichtenbeitrag. Ein Junge schrieb: „Ich hap schwaze…“ Das letzte Wort konnte ich nicht erkennen.

Zugegeben: Der Junge könnte auch nur mit dem Stift vor dem beschriebenen Zettel gesessen haben. Aber das Problem bleibt. Jemand schrieb, wie er spricht.

An der „Kinder sollen nach Gehör schreiben“-Methode ist vielleicht nichts grundsätzlich falsch. Aber dann müssten die Kinder zuerst „richtig“ zu sprechen lernen.

Die erste Person Singular von haben heißt „ich habe„. Umgangssprachlich verschluckt man das e aber gerne. Das b wird ein Plosiv. Logisch, dass das Kind dann ein p statt eines b schreibt. Logisch, dass die Schüler nicht mehr so fehlerfrei schreiben wie vor 40 Jahren.

Es gibt also ziemlich genau zwei Möglichkeiten: Entweder mache ich mein Kind auf Fehler aufmerksam oder ich achte auf eine entsprechende Sprache.

 

Schreiben wie wir lesen

Noch eine Kleinigkeit fällt mir auf: Das geschriebene Wort verliert an Bedeutung. Jedes Buch scheint gefühlte fünf mal verfilmt zu werden. Mindestens. Statt ein Buch mit Staben in die Hand zu nehmen, greift der Mensch lieber zu Hörbuch. Ist nicht so anstrengend.

Wann, liebe Leserinnen und Leser, haben Sie ihr Kind das letzte Mal mit einem Buch gesehen? Ja, es gibt noch lesende Kinder. Aber wie viele sind es?

Das gelesene Wort richtig in Schrift wiederzugeben, ist womöglich aber einfacher als das (nicht immer richtig) gesprochene Wort korrekt zu schreiben. Man hat schließlich eine Vorlage für die richtige Schreibweise.

 

Und nun?

Und nun können wir genüsslich darüber diskutieren, ob die Rechtschreibreform zurückgenommen werden sollte. Oder wir können die Probleme angehen. Mehr Eindeutigkeit in die deutsche Rechtschreibung und Grammatik bringen. Den Kindern zeigen, wie man liest, ihnen dabei die Kraft und die Macht der eigenen Phantasie vorführen.

Und vor allem können wir ein gutes Beispiel sein und zuerst besser machen, was wir bei den Schülern beklagen.

 


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