Freies Panorama

Ich habe hier ein Bild:

mitdom

Das ist der Berliner Dom, aufgenommen beim Festival of Lights 2014.

Ein schönes Bild? Danke, Ihr Lob ehrt mich. Aber nicht das Lob ist, weshalb ich dieses Bild hier veröffentliche. Der Grund ist vielmehr, wie das Bild demnächst aussehen müssen könnte. Nämlich so:

ohnedom

Vielleicht etwas sauberer bearbeitet, aber die Möglichkeiten mit Paint sind nicht allzu groß. Ich glaube, der maßgebliche Unterschied ist gut zu erkennen.

Warum soll das Bild künftig ein weißes Ungetüm zieren? Weil schwarze Farbe bei dem dunklen Hintergrund nicht wirklich zu erkennen wäre. Und weil die Regeln zur Panoramafreiheit geändert werden sollen.

Derzeit ist es in Deutschland so, dass ich alles fotografieren und verwerten darf, was ich in der Öffentlichkeit ohne Leiter, übergroßes Stativ oder ähnliche Hilfsmittel ablichten kann. Und temporäre Kunstwerke wie der damals verhüllte Reichstag sind ausgenommen. Nun soll die Rechtslage europaweit vereinheitlicht werden. Das ist erstmal nicht schlecht. Nur wird diese Vereinheitlichung deutliche Einschränkungen mit sich bringen. Und das ist erstmal nicht gut.

Deutschland ist ziemlich liberal, was die Panoramafreiheit betrifft. Ein Foto wie das obige hätte ich in Frankreich zum Beispiel nicht einfach machen können. Zumindest hätte ich es nicht einfach veröffentlichen dürfen. Wir genießen in Deutschland also ein hohes Maß an Freiheit. Stünde der Eifelturm hier, dürften wir nicht nur Tagesfotos veröffentlichen (Herr Eifel ist schon längere Zeit tot und das Urheberrecht am Turm selbst somit abgelaufen) sondern auch Fotos vom abends illuminierten Turm. Solange wir die Fotos ohne Leiter und übergroßes Stativ schießen.

„The commercial use of photographs, video footage or other images of works which are permanently located in physical public places should always be subject to prior authorisation from the authors or any proxy acting for them“, sagt nun eine EU-Regelung, über die am 09. Juli 2015 diskutiert werden soll. Die Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45274/1.html

Die kommerzielle Nutzung von Fotografien… von Werken, die permanent in der Öffentlichkeit lokalisiert sind, soll immer von der Genehmigung des Künstlers abhängen, der das Werk geschaffen hat.

So seltsam es anmuten mag: Architektur unterliegt dem Urheberrecht genauso wie Skulpturen. Und eigentlich auch Graffitys. Und wenn die Rechtslage wie oben erwähnt geändert wird, haben wir ein Problem. Einfach so Sanssouci fotografieren und veröffentlichen? Schwierig, wenngleich man bei dem Schloss u.U. einreden könnte, dass es gar nicht mehr unter dem Urheberrechtsschutz stehen kann, weil der Architekt mehr als 70 Jahre tot ist.

„Was hat das mit mir zu tun?“, fragen Sie. „Ich nutze meine Fotos doch gar nicht kommerziell.“

Nun, wenn das wirklich so ist, dann betrifft es Sie wirklich nicht. Aber hüten Sie sich davor, die Bilder bei Facebook zu posten! Denn wo die kommerzielle Nutzung beginnt, ist nicht einfach zu definieren. Und gerade Facebook ist da ein großes Thema.

„Immer muss der gegen Facebook hetzen!“, sagen Sie? Sie sind natürlich nicht verpflichtet, mir zuzuhören. Dennoch ist Facebook hier problematisch, denn wenn Sie sich mit den Nutzungsbedingungen einverstanden erklären, gewähren Sie Facebook das Recht, Ihre Bilder kommerziell zu nutzen. Und schon hätten Sie gegen die oben erwähnte EU-Regel verstoßen.

Und das gilt nicht nur für Facebook. Potentiell sind viele Seiten im Internet betroffen. fotocommunity.de zum Beispiel. Im Zweifel sogar Ihre private Homepage, die Werbeeinblendungen enthält – oder noch schlimmer: Affiliate Links, mit denen Sie aktiv Geld verdienen wollen. Die Grenze zwischen nichtkommerzieller und kommerzieller Nutzung ist verschwommen.

Nicht nur also, dass das Hobby vieler Freizeitfotografen eingeschränkt und gefährdet wird, so ziemlich jeder macht sich potentiell der Urheberrechtsverletzung schuldig. Weil wir erstens ziemlich unbedarft fotografieren und zweitens ziemlich unbedarft mit den sozialen Medien umgehen.

Wir reden hier um eine in meinen Augen überhaupt nicht zeitgemäße Rechtsänderung. Sie führt alles, was die heute als privat empfundene Nutzung des Internets ausmacht, ad absurdum. Wenn ich jedes Selfie, das ich irgendwo posten will, erst einmal darauf prüfen muss, ob vielleicht ein Buddy-Bär mit auf dem Foto ist… Obwohl… Vielleicht hört dann endlich diese Selfiemanie auf. Aber das ist etwas anderes und gerade kontraproduktiv.

Was können wir dagene tun? Ein Anfang wäre eine Petition: https://www.change.org/p/europ%C3%A4isches-parlament-retten-sie-die-panoramafreiheit

Damit Sie auch weiterhin frei fotografieren können: Unterschreiben Sie die Petition! Schreiben Sie gerne auch Ihrem Abgeordneten! Denken Sie darüber nach, schaffen Sie sich eine Meinung und äußern Sie diese öffentlich. Im Zweifelsfall im Internet. Facebook, Google+, Ihr eigener Blog, hier…

Ihr Herr We

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit.

Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: „Oh wie süß!!!!!“ Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.

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