Der Mann aus Nazareth


Herr We

Es ist oft ein kleiner Zufall, der mich auf ein Thema stößt. Oder ist es Schicksal? Nein, an Schicksal zu glauben hieße, den freien Willen zu negieren. Bestimmte das Schicksal, dass ich einen bestimmten Artikel in einer Zeitung lese, könnte ich mich nicht frei entscheiden, ihn zu lesen. Zufall also. Es ist ein kleiner Zufall.

Die Worte, mit denen ich diesen Beitrag einleite mögen wie eine kleine philosophische Spinnerei klingen, doch kamen sie mir gerade genau so in den Sinn. Und sie sind vielleicht auch gar nicht so weit vom Thema entfernt.

An jedem anderen Tag hätte ich vielleicht einfach weiter gescrollt. Heute aber las ich nicht nur den Titel des ZEIT-Beitrags „Mein Gott„, ich las auch, was darunter stand. „…Andrea Bleher ärgert es, in der rechten Ecke zu stehen. Sie will nur, dass Gottes Wort wieder gilt.“

Was für ein Thema! Meine Gedanken gerieten augenblicklich in Unordnung. Gottes Wort solle gelten? „Gottes Wort gilt mir nicht!“, hätte ich beinahe in einem Anfall emotionalen Chaos‘ ausgerufen. Beinahe, denn in demselben Augenblicke erschien mir die mahnende Stimme der Vernunft und des Denkens, die sagte: „Halt ein, Junge! Es ist nicht Gottes Wort, das Dir nicht gilt, denn Du bist nicht sicher, ob es Gott überhaupt gibt. Es ist das Wort der Bibel und der Kirche, mit dem Du Probleme hast.“

Wie so oft hatte jene mahnende Vernunft recht. Ich nenne mich selbst einen Agnostiker. Ich glaube nicht an Gott, weil ihn mir niemand empirisch beweisen kann. Worte einer für mich imaginären Person können mir also weder gelten noch nicht gelten. Es sind die Worte von Menschen, die für Gottes Worte ausgegeben werden. Ich sage dies nur für mich und nicht mit dem Anspruch eine Wahrheit zu künden. Ich kann Gottes Nichtexistenz auch nicht empirisch beweisen. Wer bin ich also, als Wahrheit zu behaupten, Gott hätte die Dinge nicht gesagt?

Aber auch das ist nicht das wirkliche Problem. Wenn jemand an Gott glaubt, mag er es tun. Es ist einzig eine Sache zwischen Gott und diesem Menschen und nicht zwischen den beiden und mir. Es ist eher Frau Blehers Glauben und ihr Wunsch, nicht in der rechten Ecke zu stehen. Und genau dies machte mich neugierig auf den Artikel. Nicht weil ich fundamentale Christen in eine rechte Ecke stelle. Eher weil genau das Gegenteil der Fall ist. Was hat Christentum und auch eventueller christlicher Fundamentalismus mit rechten Ansichten zu tun? Nichts. Eigentlich.

Liebe Frau Bleher, nur um dies vorweg zu schicken: Ich verstehe Ihren Ärger über die politische Ecke, in die man Sie stellt. Sie haben mich in diesem Punkt auf Ihrer Seite. Nur die Sache mit Gottes Wort… Aber anhand einer Überschrift und eines Untertitels kann man nicht viel Sinnvolles sagen. Also will ich den Artikel lesen und dabei niederschreiben, was ich denke. Wer weiß? Vielleicht sind wir uns weniger unähnlich, als ich im Augenblick vermute.

Ich überspringe den ersten Absatz. Frau Bleher hat ihr Haus also blau gestrichen. Sie hätte auch schweinchenrosa wählen können. Es ist nur eine Farbe und es ärgert mich maßlos, dass manche Menschen offenbar politische Ansichten mit Farben assoziieren. Man sieht die Farbe blau als von der AfD vereinnahmt an. Pah! Fast bin ich versucht, ob dieses Umstandes erst recht blaue Kleidung zu tragen. Der AfD und allen, die blau mit dieser Partei verbinden, zum Trotze. Ich bleibe dennoch bei der Farbe der Nacht. Außer übermorgen. Da wird grün getragen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Frau Bleher trüge, so heißt es weiter, Jesus im Herzen. Den Mann aus Nazareth, der diesem Beitrag den Titel gab. Das macht meine Liebste auch. Das tut meine Mutter, meine Schwester… Vielleicht sogar ich. Irgendwo ein kleines bisschen. Auch wenn ich nicht den Mann selbst in mir trage sondern einige seiner Ansichten.

Frau Bleher, erzählt mir der Artikel in der ZEIT, begründe alles, was sie tut und lässt, mit der Bibel. Sie erntet hierfür meine Hochachtung, denn ich kann das nicht. Ich weiß zu wenig über die Bibel. Aber ich bin sicher, dass mir Frau Bleher eine biblische Begründung dafür geben kann, weshalb man Flüchtlinge nicht abweisen darf. Und wenn es nur darum geht, dass Jesu Familie selbst eine Flüchtlingsfamilie war. Oder die Nächstenliebe, die für jeden gelten muss. Oder gar die Feindesliebe, die Jesus selbst propagiert.

Betrachte ich meine eigenen Worte, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich selbst ein bisschen Fundamentalist oder Frau Bleher ist weniger fundamentalistisch als man von Evangelikalen behauptet. Ich verstehe, was Frau Bleher meint, wenn sie sich missverstanden fühlt. Wenn sie Unbehagen verspürt, weil ein Journalist mit ihr sprechen will. Warum ihre Tochter ihr abriet, vermag ich nur zu erraten. War es Furcht, der Journalist könnte mit der vorgefassten Meinung, es mit einer erzkonservativen Fundametalistin zu tun zu haben, die keiner rationalen Gedanken fähig ist, in das Gespräch gehen und nachher nicht objektiv berichten? Es wäre ein schlechter Journalist, denke ich. Als Journalist sei man stets unvoreingenommen, den bloßen Fakten ergeben. Nicht im Vorfeld wertend, dem Gegenüber aufgeschlossen. Um so schöner ist es, dass Frau Bleher den Mut fand, sich den Fragen des Reporters zu stellen. So fundamentalistisch kann sie also gar nicht sein, oder?

Überhaupt: Was ist eigentlich Fundamentalismus? Ich suche nicht nach einer Definition. Diese könnte ich im Handumdrehen nachschlagen. Ich suche nach seiner Erscheinung, seiner Ausprägung.

„Linke Stadtakademiker stellen eine wie sie aufgrund einzelner Begriffe in die rechte Ecke, stempeln sie gar als homophob oder antisemitisch ab.“

Ich bin kein Stadtakademiker. Ich bin nicht einmal Akademiker. Aber ich bin eher links eingestellt. Und doch bringe ich es nicht fertig, Frau Bleher leichtfertig in die rechte Ecke zu stellen, sie als homophob und antisemitisch zu bezeichnen. Das passte für mich nicht mit dem Christentum zusammen, denn einerseits folgen die Christen einem Juden, einem Semiten also (ja, Jesus Christus war Jude, das verrät schon die Kreuzinschrift INRI und der Umstand, dass es zu seiner Zeit noch gar keine Christen gab). Andererseits predigt Jesus die Liebe. Wie kann man da in Angst vor gleichgeschlechtlicher Liebe (also Homophobie – phobos ist die Angst) leben? Und wenn Jesus und Gott politisch wären, wären sie wohl auch eher auf der linken Seite zu suchen. Sie stehen, wenn ich die Bibel recht verstehe, für Gleichheit, für Gerechtigkeit. Das sind keine rechten Ansichten.

Bleibt die Frage, wie fundamentalistisch eigentlich jene linken Stadtakademiker sind, wenn sie Frau Bleher scheinbar unreflektiert rechte Gedanke, Homophobie und Antisemitismus vorwerfen? Das passt irgendwie nicht zu dem Humanismus, den ich der Linken gerne zuschreiben würde. Aber wie so oft sind die zitierten linken Stadtakademiker wahrscheinlich auch nur ein gewisser Teil aller linken Stadtakademiker und es gibt genug von ihnen, die meine Ansicht teilen.

Es dauert aber nicht lange, bis Frau Bleher und ich in unseren Ansichten auseinander driften.

Frau Bleher glaubt, Deutschland können etwas mehr Jesus Christus vertragen. Unreligiös betrachtet stimme ich ihr noch zu. Wenn Jesus, wie ich glaube (ja, ausnahmsweise glaube ich), für soziale Gerechtigkeit steht (ich denke da zum Beispiel an die Speisung der Tausenden – zum Beispiel, es gibt da noch andere Dinge, die diese Ansicht rechtfertigen), kann die ganze Welt etwas mehr Jesus Christus vertragen. Aber nur in den Ansichten. Ohne Religion. Und hier wird es schwierig.

Frau Bleher engagiert sich für die klassische Ehe. Das ist ihr Lebensentwurf. Es ist für mich gut. Ich bin nicht sicher, ob die klassische Ehe zeitgemäß ist, aber das ist nur meine Sache. Als innige Verbindung zweier Menschen, wenn beide es wollen, ja. Als Gesetzmäßigkeit? Schwierig.

Ich scheue die Abtreibungsdebatte. Allein weil mir das Wort Abtreibung Schmerzen bereitet. Es ist so negativ. Vielleicht ist es aber auch ein Euphemismus, wenn ich lieber von einem Schwangerschaftsabbruch rede. Das klingt so schön neutral und emotionsfrei. Also lasse ich diese Debatte lieber. Sie ist ohnehin noch voller philosophischer Lücken. Grenzen sind im Abtreibungsrecht (ja, jetzt habe ich es gesagt) willkürlich gesetzt. Innerhalb der ersten zwölf Wochen ist es straffrei. Aber wann beginnt schützenswertes Leben? Ich habe darauf keine Antwort. Deshalb würde ich Frau Bleher bitten, dieses Thema zu überspringen, spräche ich persönlich mit ihr. Deshalb vermag ich nicht, auf ihr Engagement für weniger Abtreibungen einzugehen, zumal sie sich bis zu diesem Punkt auch noch nicht als strikte Gegnerin offenbarte.

Frau  Bleher engagiert sich für die Mission der Juden und Muslime. Und jetzt haben wir das erste Mal wirklich gegensätzliche Standpunkte.

Nein, nur um es vorwegzunehmen, auch hier finde ich keinen Antisemitismus. Es geht nur um Glauben, nicht darum , dass Frau Bleher etwas gegen Juden hätte. Sie will sie nur missionieren und auf ihre Seite, auf die Seite Jesu Christi ziehen. Sie sollen in dem Mann aus Nazareth (es könnte übrigens auch ein Mann aus dem Stamm der Nazarener sein) den Heiland erkennen.

Der Witz ist, dass die Muslime Jesus eigentlich gar nicht ablehnen. Er kommt sogar unter dem Namen Isa ibn Mariam im Koran vor, wurde dort unterziemlich denselben Umständen gezeugt und in die Welt gebracht, vollbrachte ziemlich dieselben Wunder wie in der Bibel. Nur in Hinblick auf die Kreuzigung sind sich die Muslime nicht einig. Und Jesus ist kein Heiland und Erlöser, er ist „nur“ ein Prophet. Der letzte Prophet vor Mohammed übrigens und somit sein direkter Vorgänger. Auch Mohammed ist „nur“ ein Prophet (stimmt, er ist DER Prophet, aber es gab nach ihm auch einfach keinen mehr), kein Heiland.

Und jetzt muss ich Frau Bleher fragen, warum Juden und Muslime denn unbedingt Jesus als Heiland erkennen müssen? Hätten die Muslime dann nicht auch das Recht, von den Christen die Anerkennung Mohammeds als Prophet zu fordern? Mission ist keine gute Sache. Bei der Mission geht es um Glauben und vom Glauben kann man niemanden wirklich überzeugen. Das zumindest ist meine Überzeugung.

Deutschland ist Missionsland, meint Frau Bleher. Ich denke, sie liegt falsch.

Die Grundwerte unseres Landes sind nämlich keineswegs christlich. Sie decken sich in weiten Teilen mit christlichen Werten, das stimmt und ist gut so. Man soll nicht töten. Man soll den nächsten lieben, ihm also mit Respekt begegnen. Man soll nicht stehlen. Man soll auch den Gegner respektieren. Alles Dinge, die sich tatsächlich biblisch belegen lassen. Und doch ist die Basis unserer Grundwerte nicht vom Christentum sondern von den Philosophen der Aufklärung gesetzt.

Unsere Grundwerte negieren nicht den Glauben. Sie negieren nur, dass einer glauben soll, was der andere glaubt.

„Wer kümmert sich um die Schwachen, wenn alle nur noch nach sich sehen?“, fragt Frau Bleher. Aber diese Frage hat nichts mit Christentum zu tun. Es ist eine rein humanistische Frage. Um die Antwort „Wir alle, wir müssen lernen wieder auf andere zu sehen.“ zu finden, muss ich nicht christlich missionieren. Ich muss dazu nicht an Gott und Jesus Christus glauben.

Und hier stecken wir in einem Dilemma, Frau Bleher. Eigentlich scheinen wir an dasselbe zu glauben. Wir begründen es nur anders. Während Sie mich zu überzeugen suchen, dass doch Jesus Christus wolle, dass wir uns um andere kümmern, sage ich: „Nein, es ist einfach unsere Pflicht als Menschen. Egal ob ein Gottessohn es sagte oder nicht. Wenn Jesus gesagt hätte – was er nie tun würde – die Schwachen müssten aus der Gesellschaft entfernt werden, wäre es menschlich immer noch richtig, sich um die Schwachen zu kümmern. Das Religionsargument zieht nicht.“

Hinzu kommt in meinen Augen, dass die Bibel – Gottes Wort oder nicht – von Menschen geschrieben wurde. Wer gibt mir also die Gewissheit, dass Gott wirklich eine Blutschuld auf gleichgeschlechtliche Liebe lud? Wer gibt mir die Gewissheit, dass dieser Passus nicht einfach von Menschen gemacht wurde? Wenn Gott die Liebe ist, warum soll er gegen die Liebe zwischen Männern, zwischen Frauen oder zwischen Drittgeschlechtlichen sein?

Und ja, liebe Frau Blehel, Glaube ist Privatsache.

Sie glauben zutiefst an Gott. Andere Menschen nennen ihn bei einem anderen Namen. Nein, eigentlich tun sie das gar nicht, sie benutzen nur eine andere Sprache. Al lah heißt nichts anderes als „der Gott“. Wieder andere glauben, es gäbe Gott gar nicht. Sie nennen sich Atheisten und haben keine Beweise für ihren Glauben. Und jeglicher dieser Glauben ist legitim. Und genau deshalb hat der Glauben eben nichts in Politik und Schule zu suchen.

Oder um es anders zu formulieren (und ich bin mir bewusst, dass das blasphemisch anmuten mag): Gott gab uns Menschen den freien Willen. Dieser freie Wille enthält aber auch das Recht eines jeden Individuums, selbst zu wählen, woran es glaubt. Und genau deshalb darf kein religiöser Glauben in irgendeiner Form das politische Handeln diktieren, denn er würde mir diktieren, nach welchem religiösen Glauben ich mein Leben zu gestalten habe. Gott lässt mir aber die Wahl. Und Jesus liebt mich trotz allem.

Überhaupt denke ich nicht, dass einer der Beiden von mir verlangt, sklavisch an ihn zu glauben. Sollte ich mit meinem Misstrauen gegen Gottes Existenz falsch liegen, wird er mich wohl trotzdem nach meinen Taten be- und verurteilen, nicht nach meinem Bekenntnis.

Das, liebe Frau Blehel, könnte übrigens auch eine Antwort auf die Frage sein, ob Atheisten in die Hölle kommen. Eine andere mögliche Antwort wäre übrigens ein klares Nein, denn Atheisten haben keinen Gott und somit weder Himmel noch Hölle. Sie verschwinden also einfach im Nichts während die Christen etwas von ihren guten Taten haben. Beantworten Sie doch diese Frage beim nächsten Mal verschmitzt lächelnd so. Ich glaube, Sie werden Ihr Gegenüber schlagartig für Sie einnehmen.

Liebe Frau Blehel (und ich meine diese Anrede in hohem Maße respektvoll), Sie sind unbestreitbar erzkonservativ und wir werden an dieser Stelle auch nie zusammen finden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, das Ihnen vielleicht die Seele erleichtert: Sie sind nicht fundamentalistischer als die meisten Menschen. Mich eingeschlossen. Vielleicht lasse ich Ihnen Ihren Glauben in größerem Maße als Sie mir meinen Unglauben. Aber selbst dahinter steckt ein Hauch von Fundamentalismus, weil ich aus tiefstem Herzen glaube (ohne es rational und empirisch beweisen zu können), dass niemand das Recht hat, anderen Menschen einen (Un)Glauben aufzudrängen.

Und ich glaube, dass wir trotz (oder gerade wegen) unserer gegensätzlichen Meinungen ein sehr schönes Gespräch führen würden, begegneten wir uns durch Zufall. Weil ich glaube, dass wir uns respektieren. Wir sind nicht fundamentalistisch genug, uns nicht mit Respekt zu begegnen.

Ihr Herr We

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


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