Bildungslücken


Herr We

Eine deutsche Stiftung, der rein zufällig mehr als dreiviertel eines großen deutschen Verlagshauses gehört, hat eine Studie veröffentlicht. Das Ergebnis dieser Studie ist, dass Deutschland zu viele schwache Schulen hat. Ach nee! Ich könnte jetzt mein Klugscheißerschild hochhalten und sagen, dass wir das eigentlich schon den PISA-Tests entnehmen können. Aber ich will mal nicht so sein. Ist ja nicht mein Geld, das die Bertelsmänner in jene Studie gesteckt haben. Hoffe ich.

Dennoch sollte man sich vielleicht mal einen Kopf darüber machen, habe ich gedenkt. Gedonken. Gedacht. Jetzt hab ich’s. Es gibt hier also zu viele schwache Schulen. Könnte es Ursachen dafür geben? Was läuft falsch?

Das erste, das mir dazu einfällt, ist, dass überall alles anders ist. Lasst uns mal von Berlin nach Bayern ziehen und dabei Kinder mitnehmen. Der Unterrichtsstoff ist dort ziemlich anders. An dieser Stelle ist der Föderalismus in meinen Augen falsch. Schule sollte nur bedingt Ländersache sein. Wenigstens in bestimmten Fächern wie Mathematik, Deutsch, den Naturwissenschaften muss der Unterricht bundesweit einheitlich sein. Auf diese Weise sind dann Dortmunder und Hamburger Schulabschlüsse auch miteinander vergleichbar.

Klugscheißerschild für das rothaarige Mädchen in der letzten Reihe! Ja, man kann sie auch jetzt vergleichen. Man kann auch durchaus Äpfel mit Birnen vergleichen. Aber das Ergebnis des Vergleichs ist eine andere Geschichte.

In einem Kommentar auf Spiegel online wird (zu Recht) bemängelt, dass Ayse und Kevin (Chantale meiner Meinung nach auch) in die Hauptschule gehen während die Arzttochter das Abi macht. Es gibt andere Beispiele, das weiß ich aus meiner Arbeit heraus. Aber es ist auch etwas dran an dieser Aussage. Nur warum geht Ayse nicht auf das Gymnasium? Warum machen Kevin und Chantale nicht das Abi?

Das Stichwort ist für mich an dieser Stelle Früherziehung. Man diskutiert(e) in der Politik, Mütter, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken, mit Geld zu belohnen. Gerade bei den in besagtem Kommentar anvisierten Zielgruppen – ALG II-Empfänger und Familien mit Migrationshintergrund – ist der Kitabesuch aber wichtig, legt er doch den Grundstein für das Abitur der Kinder.

Auf der anderen Seite beschleicht mich aber das Gefühl, dass dem Abitur eine viel zu hohe Bedeutung beigemessen wird. Es wird gefühlt viel zu oft ein Abitur erwartet, obwohl ein guter bis sehr guter Realschüler die Aufgabe, für die ein Abi gewollt ist, vermutlich ebenso gut erfüllen kann. Hierzu müssten Realschüler aber auch ordentlich unterrichtet werden.

 

Etwas anderes stößt mir aber noch mehr auf: Scheinheiligkeit.

Ich bin nur ein kleiner Mensch. Gut, nicht soo klein, aber in Relation zu 80.000.000 Deutschen eher unbedeutend. Ich habe nur sehr begrenzte Mittel, etwas gegen den Bildungsnotstand zu tun. Andere wiederum habe die Mittel, besonders die finanziellen, und was tun sie? Sie führen Studien durch, die uns etwas erzählen, was wir schon wissen. Dieselben Leute ziehen noch ein anderes Projekt auf, das aber daran krankt, dass Geld fehlt. Nun, dem könnte abgeholfen werden. Nämlich von genau den Menschen, die in ihrer Studie feststellen, dass … Ihr wisst schon.

Anprangern auf der einen Seite und nicht einmal die eigenen Projekte ausreichend finanzieren auf der anderen – das ist für mich scheinheilig.

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


Ein Senfkorn zu “Bildungslücken”

  • Frau Zett sagt:

    Whooooa… Ein tolles Diskussionsthema!

    Wir haben 16 Bundesländer. Und 16 verschiedene Schulsysteme. In einer Dokumentation, die ich einst sah, sagte mal ein Gymnasiallehrer einen ganz entscheidenen und klugen Satz, den ich hier gern zitieren möchte:

    „Es ist einfacher, von England nach Chile mit dem Kind auszuwandern, als von Berlin nach Bayern.“

    Und damit ist das Armutszeugnis schon unterschrieben. Ich finde, dass es ein guter Ansatz ist, dass die Basisfächer, wie Mathematik, Deutsch, Erdkunde, Biologie, einheitlich unterrichtet werden sollten. Denn lustigerweise sind trotz verschiedener Bildungssysteme, die Abschlusstests bundesweit einheitlich.

    Warum dürfen Ayse, Kevin und Chantalle nicht aufs Gymnasium? Ayse kommt aus einer Familie mit Migrationshintergrund, in der die Muttersprache türkisch ist. Ihre Eltern kamen vor einigen Jahren, da war Ayse noch ganz klein, nach Deutschland, um ein besseres Leben führen zu können und gute Arbeit zu haben. Dumm gelaufen. Für Ayses Vater, weil sein Abschluss nicht anerkannt wird. Für ihre Mutter, weil sie kaum Deutsch spricht, da es ihr verboten wird und für Ayse, weil sie mit diesem Hintergrund nur das gelernt hat, was ihr in der Schule beigebracht wurde, da ihr Vater 2 Jobs hat, damit er die Familie ernähren kann und ihre Mutter… ihr wisst schon. Klingt komisch, ist aber so. Und was ist mit Kevin und Chantalle? Beide kommen aus einem Bezirk, der sozialer Brennpunkt ist. Dort herrscht hohe Arbeitslosigkeit und Bildungsmangel. Kevins Eltern arbeiten beide im Schichtdienst. Kevin ist also am Nachmittag allein zu Haus. Niemand, der ihm bei seinen Hausaufgaben helfen kann. Auch er kann nur das mitnehmen, was ihm in der Schule beigebracht wird. Chantalles Eltern sind zwar beide arbeitslos, aber verstehen nur die Hälfte von dem, was Chantalle in der Schule lernt und sind mit dem Stoff maßlos überfordert. Bücher können sie sich von ihrem Hartz-Geld nicht leisten. Das geben sie lieber für Zigaretten und das teure Bier im Dönerladen an der Ecke aus. Um den Frust über ihr Leid zu vergessen. Somit kann Chantalle auch nur das mitnehmen, was ihr in der Schule beigebracht wird. Traurige Wahrheit!

    Zum Einen haben wir nun das Problem, dass die Kinder von zu Hause keine vernünftige Basis mitbekommen. Schade drum. Zum Anderen haben wir das Problem, dass der Staat auch nicht gewillt ist, diesen Kindern zu helfen. Oder den Eltern. Da fängt es ja eigentlich an. Warum brauche ich denn mittlerweile für eine schnöde Stelle als Sekretärin einen Hochschulabschluss? Stiefellecken, arschkriechen und unter den Tisch passen kann ich auch ohne Abitur.

    Jetzt zu der Frage, warum Hauptschulen so dermaßen klischeebehaftet sind:

    Eine Hauptschule war ursprünglich, zumindest noch zu meiner Schulzeit, für die Kinder gedacht, die in den Hauptfächern nicht ganz so stark, dafür aber handwerklich sehr begabt waren. Die Hauptschule hat ihnen somit die Möglichkeit gegeben, ihre Stärken auszubauen und die Schwächen aufzuarbeiten und ihnen damit einen sehr wohl anerkannten Abschluss ermöglicht. Ein Abitur war dann vonnöten, wenn der Schüler wusste – oder seine Eltern -, dass er einmal studieren will. Die Realschule war einst für die Kinder, die einen höherwertigeren Abschluss für eine Ausbildung nach der Schule erzielen wollten. Mittlerweile sind die Hauptschulen total verschrien. Kaum ein Arbeitgeber will noch Hauptschüler einstellen. Der Abschluss wird heruntergewertet. Hauptschüler findet man meist in den Berufen, die sich ein Realschüler oder ein Gymnasiast für sich selbst nicht vorstellen könnten. Somit wird also nicht nur der Abschluss abgewertet, sondern auch der Schüler, der ihn gemacht hat. Dieser wiederum fühlt sich dadurch persönlich angegriffen, was nur all zu gut verständlich ist. Und da geht es dann los. Der Hauptschüler findet nur schwer bis gar keine Ausbildung. Der Realschüler macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann/-frau, verdient einen Apfel und ein Ei. Und der Gymnasiast ruht sich auf seinem Papierchen namens Abitur aus, studiert BWL, geht – frisch von der Uni – in die Firma des ehemaligen Realschülers als Berater, berät den Chef dieser Firma für ganz viel Hornorar (er hat ja schließlich Abitur, das muss schon gut bezahlt werden…), dass er seinen Gewinn noch steigern kann, indem er seine Angestellten für das gleiche Geld noch länger arbeiten lässt, und nennt das Ganze dann Arbeitsoptimierung.

    Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ansetzen muss man bei so vielen Dingen, damit es solche Klassendifferenzierungen nicht mehr gibt. Der Ursprung liegt ganz woanders. Der Kapitalismus ist die Wurzel allen Übels. Geld bestimmt heute über Bildung und Gesellschaftsstand. Über Schule und Ausbildung. Über beruflich und privat. Haste was, biste was. Und genau da müssen wir zu allererst ansetzen. Weg von diesem Denken, hin zu dem Willen, Wissen zu erlangen. Unseren Kindern etwas beibringen zu wollen. Zurück zu mehr Beachtung der Persönlichkeit jedes Einzelnen. Und hinfort mit dem Statussymbol Schulabschluss. Was bringt mir denn ein Studierter mit sehr guten Noten, wenn er menschlich ein A****loch ist? Betriebklima zählt nämlich auch zur Arbeitsoptimierung. Das erzählt nur keiner dem BWLer. Ich könnte endlos so weitermachen… Ihr seid dran 😉

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