Berlin will feiern


Herr We

Ich bin ein Berliner und das ist auch gut so. Nur an wenigen Tagen im Jahr wünsche ich mir manchmal, ich wäre es nicht. An Fronleichnam zum Beispiel. Oder am Tag der Heiligen drei Könige. Oder am 31. Oktober und 1. November. Da dürfen nämlich andere feiern und ich muss arbeiten. Mist!

Doch ich habe einen Regierenden Bürgermeister, der die Nöte der Menschen in seinem Land versteht, der uns einen zusätzlichen Feiertag verspricht. Nur welcher Tag soll das sein? Herr We hat eine subjektive Meinung.

Bayern hat 13 gesetzliche Feiertage, Berlin nur 9. Wie bei anderen Dingen auch ist Berlin das republikweite Schlusslicht. Jetzt sollen es 10 Feiertage werden und schon gehen die Diskussionen über den Termin los.

Der 8. Mai als Tag der Befreiung ist im Gespräch. Der 17. Juni, der 1990 vom 3. Oktober abgelöst wurde. Die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar, der 9. November – eines der geschichtsträchtigsten Daten überhaupt, sogar der Reformationstag kam ins Gespräch. Aber welcher Tag ist den wirklich richtig? Zeit, die Daten auseinanderzunehmen und ihr Für und Wider abzuwägen. Geht auch schnell, versprochen.

Die Vorschläge

 

Der 27. Januar

Chronologisch ist der Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz der erste. Deshalb will ich mich ihm auch zuerst widmen.

Für:

Betrachte ich das Feiertagsjahr, ergibt sich so etwas wie eine Häufung der Feiertage von Ende März/Anfang April (Ostern) bis Mai (Christi Himmelfahrt, Pfingsten) sowie Oktober (Tag der Einheit) bis 01. Januar (Weihnachten, Neujahr). Dazwischen ist Flaute. Von Januar bis mindestens Ende März (je nach Vollmond und somit Ostertermin) und noch schlimmer von Juni (oder gar Ende Mai) bis Oktober muss man malochen. Insofern würde der 27. Januar natürlich zumindest das erste Vierteljahr noch einmal auflockern.

Aber ist der Anlass ein Grund zu feiern und einen freien Tag zu haben?

Wider:

Nein, ist er nicht.

Natürlich und unbestreitbar ist der 27. Januar ein wichtiger Tag des Gedenkens. Die Auschwitzopfer stehen für mich nur stellvertretend für die vielen Millionen Opfer eines Terrorregimes und es ist vollkommen richtig, all diesen Opfern an diesem Tag zu gedenken. Es ist ein Tag, an dem man an einem Mahnmal eine Blume niederlegen kann.

Die Arbeitsfreiheit am 27. Januar wird aber keineswegs zum Anlass genommen werden, den Opfern zu gedenken. Es wäre nur ein freier Tag und auch das nur, wenn er nicht an einem Wochenende ist. Man schläft aus und ärgert sich den Rest des Tages über das graue Januarwetter.

Fazit:

Den 27. Januar kann man wählen, muss man aber nicht. Es ist auch nur schwer nachzuvollziehen, warum nur in Berlin an diesem Tag ein Feiertag sein soll. Dieses Gedenken geht die ganze Republik an und man kann ihm anders gerecht werden.

 

Der 08. Mai

Für:

Der Tag der Befreiung, der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands ist sicherlich ein ebenso (ge)denkwürdiger Tag wie der 27. Januar. Ich glaube sogar, dass er (bzw. der 09. Mai) in Russland tatsächlich ein Feiertag ist. Man könnte diesen Anlass tatsächlich begehen, am besten aber auch bundesweit.

Wider:

Es ist ein Tag im Mai und ganz ehrlich: Der Mai ist mit Feiertagen gut ausgestattet. Braucht man noch einen arbeitsfreien Tag im Mai? Ich finde, man braucht ihn nicht. Im Grunde kann ich hier dasselbe Wider anführen wie am 27. Januar.

Fazit:

Der 08. Mai hat gegenüber dem 27. Januar nur ein Plus: Das Wetter dürfte besser sein. Ansonsten fällt er für mich in dieselbe Kategorie des Gedenkens, das mir keinen Anlass für Arbeitsfreiheit gibt, in die Kategorie „Kann man machen, muss man nicht.“

Und aus genau demselben Grund überspringe ich gleich den 17. Juni. Die Geschichte ist zwar etwas jünger als die des 27. Januar und des 08. Mai und als Berliner haben wir zu diesem Datum einen stärkeren Bezug, dass man diesen Tag arbeitsfrei machen muss, ziehe ich aber aus ähnlichen Gründen in Zweifel.

 

Der 31. Oktober

Für:

Reformationstag. Der Tag, an dem Luther seine Thesen an die Wittemberger Schlosskirchentür nagelte. Kein schlechter Tag.

Mancher möchte diesen Tag wohl in erster Linie mit dem Christentum verbinden. Doch dem möchte ich widersprechen, wenngleich Martin Luther natürlich Christ war und aus seinem Handeln die evangelisch-lutherische Kirche hervorging. Dennoch ist der Hintergrund weniger religiös, als er zunächst scheint. Es geht an diesem Tag um viel grundsätzlichere Dinge. Es geht ums Menschliche. Es geht darum, Menschen nicht wegen einer Warze im Gesicht (EINE HEXE!) oder konträrer Ansichten (KETZER! UNGLÄUBIGER!) zu verfolgen.

Letztlich ist der 31. Oktober auch ein Tag, der direkt rings um Berlin ein Feiertag ist. Warum sollen wir uns nicht Brandenburg anschließen?

Wider:

Ehrlich gesagt fällt mir hier nicht viel ein. Außer vielleicht die von mir vermutete Auffassung vieler dieses Tages als christlichen Feiertag. Selbst Herr Müller meinte, es müsse ein Tag mit politischer Relevanz sein, kein kirchlicher Feiertag.

Fazit:

Bis hierhin erscheint mir der 31. Oktober der geeignetste Termin für einen weiteren Feiertag, zumal wir mit diesem Tage auch nicht allein wären. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein – wir wäre in Gesellschaft.

 

Der 09. November

Novemberrevolution, Judenprogrome, Mauerfall – wie viele Tage im Jahr sind so geschichtsträchtig wie der 09 November? Welcher Tag im Jahr hat derartige politische Relevanz? Keiner, soweit ich mich entsinne. Und das ist auch schon das erste

Für:

Das jüngste politische Großereignis in Deutschland, den Fall der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland, zu feiern, regelrecht zu zelebrieren, ist eine großartige Sache. Und die Wiedervereinigung, so groß sie als Ereignis auch war, kommt am 09. November in ihrer Bedeutung nicht vorbei. Ich halte dieses Datum sogar für relevanter als den eher willkürlich gewählten 03. Oktober. Ohne den 09. November hätte es den 03. Oktober nie gegeben.

Hinzu kommt, dass man uns Berlinern (wie auch dem Rest der Bundesrepublik mit Ausnahme Sachsens) vor Jahren einen Feiertag im November nahm: den Buß- und Bettag. So könnten wir uns unseren freien Tag im November wiederholen.

Wider:

Ja, der 09. November ist der beste der Vorschläge. Aber unter uns und ganz subjektiv: Uns bleibt dann weiterhin die Durststrecke von Juni bis September. Ein Feiertag im Sommer wäre doch viel schöner, oder?

Aber als Sachargument taugt das nicht, das weiß ich.

Fazit:

Der 09. November ist der Toptermin für den neuen Feiertag. Er ist an Relevanz nicht zu überbieten.

 

Die Abwägung

Jeder mögliche Tag wird sein Pro und sein Contra haben. Es soll ein säkularer Feiertag sein, ein Tag mit politischer Relevanz, wünscht sich unser Regierender. Ich will ihm seinen Wunsch nicht streitig machen.

Religiöse Feiertage sind tatsächlich schwierig. Religiöse Feiertage werden in Deutschland immer christlich geprägt sein. Wenn der Islam zu Deutschland gehört (und dem mag ich nicht widersprechen, denn jeder darf glauben, was er will), wenn das Judentum zu Deutschland gehört, sollte man dem in irgendeiner Form Rechnung tragen, sei es vielleicht auch nur, indem man nicht jeden nur erdenklichen Feiertag auf einer Religion gründet.

Grund um säkular zu feiern findet man ganz sicher auch genug. Fünf Termine sind schon in der Diskussion. Der Tag des Inkrafttretens des Grundgesetzes wäre ein ebenso guter Anlass wie der 15. Juni, an dem im Jahre des Herrn 1215 die Magna Charta unterzeichnet wurde, in der erstmalig Grundrechte (wenn auch nicht in Deutschland) schriftlich festgehalten wurden. Gut, das Grundgesetz ist vielleicht der bessere Anlass.

Wie wäre es mit der Märzrevolution in Berlin von 1848? Die Folgen der Revolutionen von 1848/49 reichen auch bis in unsere Zeit?

Einen Anlass für einen Feiertag zu suchen wird nicht schwer sein. Es wird immer Diskussionen geben und am Ende freut man sich trotzdem einfach über den zusätzlichen freien Tag, sofern er nicht auf ein Wochenende fällt.

Und genau das bringt mich auf einen anderen Gedanken. Warum müssen wir eigentlich einen Anlass und ein Datum suchen? Warum legen wir nicht einfach (willkürlich) einen Tag fest? Warum suchen wir nach einem Tag mit politischer Relevanz, wenn wir doch ständig in Tagen politischer Relevanz leben?

Gehört der Islam zu Deutschland? Ist Deutschland christlich/jüdisch geprägt? Beides. Muss der zusätzliche Feiertag säkular sein, um nicht einer Religion auf die Füße zu treten? Nein.

Nein, der Feiertag kann durchaus seinen Hintergrund in Religion haben und er kann trotzdem politisch relevant sein. Das Wichtige ist nämlich das Weglassen des Artikels vor Religion.

Ein christlicher/jüdischer/islamischer Feiertag? Der Tag wird auf Kritik stoßen. Und die Heiden, Atheisten und Agnostiker haben auch keine Verbindung. Meine Liebste aber brachte mich auf eine Idee, mit der wir allen gerecht werden. Sie meinte, man könne einen Feiertag erfinden, der allen drei großen Religionen gerecht wird. Ich widerum will diesen Gedanken noch ein Stück weiter denken.

Wir leben in einer Zeit, in der Intoleranz gegen andere Menschen mehr und mehr zu wachsen scheint. Intoleranz gegen den Islam, Antisemitismus, Homophobie… Die Liste ist lang. Das Bundesverfassungsgericht schreibt das Recht auf ein drittes Geschlecht im Ausweis fest und die Diskussionen schaukeln sich auf. Religiöser Fundamentalismus gewinnt ebenso an Boden wie atheistischer. Multikultur wird kritisch betrachtet, wer anders ist erst recht.

Wie wäre es also mit einem Tag der Weltanschauung? Oder besser formuliert mit einem Tag der freien Weltanschauung? Noch besser: Wie wäre es mit einem Tag der Toleranz?

Obwohl Toleranz vielleicht doch das falsche Wort ist. Wer toleriert, nimmt hin. „Der ist so und das muss ich hinnehmen, obwohl es mir nicht gefällt.“

Nein, ich denke, nichts darf nur toleriert werden, ob Religion, sexuelle Ausrichtung oder was auch immer. Die Dinge sollten akzeptiert werden. Ich muss den Christen neben mir genauso akzeptieren wird den Moslem und den Transmann. Toleranz ist zu wenig.

Also feiern wir doch einen Tag der Akzeptanz? Der freien Entfaltung? Ich sehe, der Name macht noch Schwierigkeiten. Der Inhalt sollte aber klar sein und die politische Relevanz auch. Wenn wir freiheitlich leben wollen, sollten wir die Grundvoraussetzung dafür feiern: das Recht jedes Menschen, zu leben, lieben und glauben, wie er will.

Und wann soll dieser Tag stattfinden? Ich bin für den dritten Donnerstag im Juli. Jedes Jahr. Auf diese Weise kann der Tag nicht auf einen Samstag oder Sonntag fallen und wir haben ihn wirklich jedes Jahr. Und das Wetter sollte auch schön sein. Besser noch wäre der dritte Freitag im Juli. Dann sparen wir den Brückentag und haben ein langes Wochenende.

 

Was meinen Sie, liebe Gdnoddsende und den Gdnodds lesendes? Haben Sie Vorschläge für einen neuen Feiertag? Wenn ja, sind Sie herzlich eingeladen, diese als Kommentar zu hinterlassen. Wenn nicht… Dann kommentieren Sie doch trotzdem!

Herr We

Ich, Herr We, bin der Mann mit dem langen Atem, wenn es um Worte geht. Der, der sich nicht kurzfassen kann, selbst wenn er will. Meine Waffe ist das Wort und ich schwinge dies Schwert unbarmherzig auf meinem Kreuzzug für die Gerechtigkeit. Ich bin ein Mann des wohl gewählten Wortes. Einer meiner besten Freunde ist der Genitiv, mein Erzfeind das Katzenvideo, denn es beschränkt die Sprache auf lediglich drei Wörter: "Oh wie süß!!!!!" Auch setze ich mich für den Schutz der Satzzeichen und gegen deren Mißbrauch als Rudeltiere (wie im Kommentar zum Katzenvideo) ein.


Gib deinen Senf dazu

Wenn Sie Mensch sind, lösen Sie bitte folgende Aufgabe: *